Was ist nicht alles passiert in den zehn Jahren, die Michail Chodorkowski hinter Gittern verbracht hat! Sein Vaterland hat sich in diesem Jahrzehnt von Grund auf verändert. Es ist undemokratischer geworden, aber auch reicher, vielfältiger, moderner. Eine neue Mittelschicht ist entstanden, hat sich aufgelehnt und dann wieder besänftigen lassen. Eine Wirtschaftskrise musste mit reichlich Haushaltsgeldern bewältigt werden. Massenhafte Zuwanderung aus dem Ausland hat die Städte verändert, dafür sind jetzt die Dörfer entvölkert. Neue gesellschaftliche Bewegungen sind entstanden, neue Formen der Unterdrückung. Nur zwei Dinge sind über all die Jahre gleich geblieben: Wladimir Putin war stets der unangefochtene Herrscher und Michail Chodorkowski stets in Haft.

Warum hat Putin ihn ausgerechnet jetzt freigelassen nach diesen zehn Jahren? Warum nicht früher oder später? Darüber kann man nur mutmaßen. Man kann die Vor- und Nachteile der Freilassung aus Putins Sicht benennen, und aus ihrer Verknüpfung seine Schlüsse zu ziehen. Zwei Daten stechen dabei heraus: Der Februar und der August dieses Jahres. Im Februar beginnen die Olympischen Winterspiele in Sotschi, im August sollte ursprünglich Chodorkowskis Haft enden.

Fangen wird mit dem zweiten Datum an: Natürlich wäre es für Putin ein leichtes gewesen, Chodorkowski auch weiterhin in Haft zu lassen. Ein dritter Prozess gegen den Häftling war ja schon in Vorbereitung, so hatte es der stellvertretende Generalstaatsanwalt vor zwei Wochen angedroht. Was wäre bei Russlands williger Justiz einfacher, als den Häftling aus dem Arbeitslager wieder ins Untersuchungsgefängnis zu verlegen? Für dieses Vorgehen hätte Putin allerdings einen Preis zahlen müssen. Schon das zweite Verfahren gegen Chodorkowski war, anders als das erste, vollkommen absurd. Das dritte Verfahren hätte Russlands Strafjustiz vor aller Welt und im eigenen Land vollends lächerlich gemacht. Kein Richter hätte Putins Rachsucht notdürftig verschleiern können.

Wenn Putin diesen Preis gescheut hat, dann gab es für ihn keinen Grund, bis zum August zu warten. Alle Gedanken des Kreml sind derzeit auf die Olympischen Winterspiele in Sotschi gerichtet, das teuerste Sportfest aller Zeiten und Länder. Dieses Spektakel darf nicht scheitern, und hässliche Spannungen mit dem Teilnehmerstaaten zählen genauso zu den Gefahren wie fehlender Schnee. Mit dem Schnee sieht es derzeit gut aus; dafür haben Spitzenpolitiker ihre Teilnahme abgesagt. US-Präsident Obama hat offen homosexuelle Sportler für die Eröffnungs- und Schlusszeremonie nominiert. Weitere Reibereien waren abzusehen. Da kommt Chodorkowskis Freilassung zur rechten Zeit.

Sicher im Sattel

Schließlich aber ist für Putin das innenpolitische Risiko einer Freilassung Chodorkowskis gesunken. Zwei Jahre nach den Wählerprotesten vom Winter 2011/2012 fühlt sich Russlands Präsident wieder sicher im Sattel. Er weiß, dass Chodorkowskis Freilassung die russische Opposition nicht neu beleben wird, und dass dieser Mann nicht zum Oppositionspolitiker taugt. Bei allem Ansehen, das sich Chodorkowski mit seiner Standhaftigkeit im Lager und vor Gericht verdient hat – er ist kein Politiker. Ihm fehlt das Charisma, der politische Spürsinn, die Glaubwürdigkeit unter den Wählern. Er ist ja kein Mandela, auch wenn ihn manche schon euphorisch mit dem Südafrikaner verglichen haben. Chodorkowski war der gewiefte Chef eines Ölkonzerns, als er in Haft kam, kein Freiheitskämpfer. Er ist auch keine Julia Timoschenko. Die beiden haben zwar ähnlich angefangen. Aber als sie festgenommen wurde, war die ukrainische Gasprinzessin längst zur Berufspolitikerin geworden. Chodorkowski kann mit dem neuen Kapital, das er sich erworben hat – seiner Autorität als Häftling – viel tun für die russische Zivilgesellschaft, aber wenig für die russische Politik.

Das alles wird Putin abgewogen haben. Der Gnadenakt bringt ihm mehr Vorteile als Risiken, und außerdem wäre Putin ja nicht Putin, wenn er sich nicht abgesichert hätte. Dass Chodorkowski nicht etwa durch die Amnestie zum 20. Jahrestag der Verfassung freikommt, sondern durch einen persönlichen Gnadenakt, schränkt seinen Spielraum in der Öffentlichkeit ein. Und vergessen wir nicht, dass dieser Mann auch in seiner Hotelsuite im Adlon nicht frei ist, solange seine einstigen Mitstreiter in Russland in Haft sitzen oder jederzeit neu in Haft kommen können. Bei jedem Satz, den Chodorkowski auf seiner Pressekonferenz in Berlin gesagt hat, muss man sich diese Geiseln dazu denken, und mehr noch bei jedem Satz, den er nicht gesagt hat. Der Mann ist so frei oder unfrei wie die russischen Bürger daheim in Moskau.