Tugce ist tot – aber die Bilder ihres Todes werden ewig leben. Kaum war die junge Frau – von einem jungen Mann auf einem Parkplatz ins Koma geprügelt – von den Ärzten offiziell für tot erklärt worden, tauchten im Videoportal Youtube in drei Varianten Bilder von einer Überwachungskamera auf, die das Tatgeschehen aufgezeichnet hatte. Zwei Videos zeigen lediglich die Tat, die Langfassung auch deren Vorlauf, alle drei Filme wurden hochgeladen von einem „alanpauls“, der die Bilder mit den Worten ankündigt: „Zu sehen ist der Moment, in dem die schlimme Tat passiert! Hier wird unsere tapfere Tugce Opfer der schlimmen Attacke!“ Nicht bekannt ist bisher, wie die Aufnahmen zu „alanpauls“ gelangt sind, fest steht aber, dass die Überlassung ebenso rechtswidrig war wie es die Verbreitung ist. Rund 70.000 Menschen hatten sie sich bis gestern Vormittag angesehen, einige Hundert von ihnen in Kommentaren das Verhalten von Täter und Opfer mit zumeist dummen Sprüchen kommentiert.

Aber offensichtlich hatte kein einziger von ihnen ein Problem damit, dass „unsere Tugce“ nicht nur brutal getötet wurde, sondern ihr Persönlichkeitsrecht post mortem mit jedem Aufruf der Sterbevideos wieder und wieder geschändet wird – wie gesagt, bis gestern Vormittag mehr als 70.000 Mal. Der Blick auf die sterbende Tugce löst im Publikum derartige Begeisterung aus, dass niemand die auf Facebook verbreitete Klage der Familie des Opfers hört: „Zur Schau zu stellen, wie unsere Tugce stirbt ist unter aller Würde, für Tugce selbst und alle Hinterbliebenen!“ Das ist natürlich lächerlich. Denn „unsere Tugce“ gehört selbstverständlich nicht ihrer Familie, sondern uns allen: Der Totschläger hat ihr das Leben genommen, ihren Tod lassen wir uns nicht auch noch nehmen. Um sicherzustellen, dass niemand, wirklich niemand auf die entsetzlichen Einzelheiten des Verbrechens verzichten muss, stellt auch die Bild-Zeitung auf ihrer Website das Video zur freien Verfügung.

„Lass mich in Frieden, bitte“

Das Recht am eigenen Bild ist eine relativ späte Schöpfung der Rechtswissenschaft, eine Reaktion auf das Vordringen der Fotografie, genauer gesagt eine Antwort des Gesetzgebers auf das rechtswidrige Eindringen zweier Fotografen in das Sterbezimmer von Otto von Bismarck im Jahr 1898. Sie hatten den früheren Reichskanzler unter Zuhilfenahme zweier Magnesiumlampen fotografiert und die Bilder anschließend meistbietend verhökert. Da es an einer adäquaten gesetzlichen Regelung fehlte, musste dass Reichsgericht die Verurteilung der Fotografen auf den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs stützen. Weil klar war, dass der Fall kein Einzelfall bleiben würde und die technische Verfügbarkeit des Erscheinungsbildes jeder Person einer juristischen Regulierung bedürfe, kodifizierte der Gesetzgeber im Jahr 1907 im Kunsturhebergesetz das Recht am eigenen Bild. Seitdem dürfen Bildnisse nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. Warum die eigenmächtige Bildnisveröffentlichung unzulässig ist? Der Bundesgerichtshof hat das 1958 in einem Urteil mit den Worten begründet, „dass damit dem Abgebildeten die Freiheit entzogen wird, auf Grund eigener Entschließung über dieses Gut seiner Individualsphäre zu verfügen“.

Das klingt heute, da die Springflut digitaler Bilder alle Schutzräume des Privaten zu überspülen droht, natürlich anachronistisch. Wenn jedermann jederzeit damit rechnen muss, einem unbemerkt von sich geschossenen Bild im World Wide Web zu begegnen, wenn niemand ausschließen kann, dass von ihm selbst ins Netz gestellte Porträts seiner selbst durch Bildbearbeitung manipuliert werden, dann hat das Recht am eigenen Bild jegliche Autorität als Norm verloren. Ist das so? Oder verhält es sich nicht gerade umgekehrt: Was offline unzulässig ist, wird nicht dadurch rechtlich unbedenklich, dass es online verbreitet wird. Die Gefährdung des Rechts am eigenen Bild ist so gravierend und so offensichtlich wie vor mehr als 100 Jahren. Der Unterschied ist nur, dass der Gesetzgeber damals den Ernst der Lage deutlich schneller begriff als heute. Bis heute wird das Recht am eigenen Bild gesetzlich geschützt, de facto unternimmt der Gesetzgeber kaum etwas zu seinem Schutz.

Vor fünf Jahren ist der großartige Roman „Die Vergangenheit“ in deutscher Übersetzung erschienen. Geschrieben hat ihn der bekannte argentinische Schriftsteller Alan Pauls. Offenbar hat sich der Youtube-Lieferant „alanpauls“ nicht nur des Todes Tugces bemächtigt, sondern auch des Namens des Argentiniers. In dessen Buch stehen die Sätze: „Lass mich in Frieden, bitte. Gib mir mein Leben wieder.“ Von wegen! Tugces Leben ist vorbei, und ihren Tod behalten wir.