Tugce ist tot – aber die Bilder ihres Todes werden ewig leben. Kaum war die junge Frau – von einem jungen Mann auf einem Parkplatz ins Koma geprügelt – von den Ärzten offiziell für tot erklärt worden, tauchten im Videoportal Youtube in drei Varianten Bilder von einer Überwachungskamera auf, die das Tatgeschehen aufgezeichnet hatte. Zwei Videos zeigen lediglich die Tat, die Langfassung auch deren Vorlauf, alle drei Filme wurden hochgeladen von einem „alanpauls“, der die Bilder mit den Worten ankündigt: „Zu sehen ist der Moment, in dem die schlimme Tat passiert! Hier wird unsere tapfere Tugce Opfer der schlimmen Attacke!“ Nicht bekannt ist bisher, wie die Aufnahmen zu „alanpauls“ gelangt sind, fest steht aber, dass die Überlassung ebenso rechtswidrig war wie es die Verbreitung ist. Rund 70.000 Menschen hatten sie sich bis gestern Vormittag angesehen, einige Hundert von ihnen in Kommentaren das Verhalten von Täter und Opfer mit zumeist dummen Sprüchen kommentiert.

Aber offensichtlich hatte kein einziger von ihnen ein Problem damit, dass „unsere Tugce“ nicht nur brutal getötet wurde, sondern ihr Persönlichkeitsrecht post mortem mit jedem Aufruf der Sterbevideos wieder und wieder geschändet wird – wie gesagt, bis gestern Vormittag mehr als 70.000 Mal. Der Blick auf die sterbende Tugce löst im Publikum derartige Begeisterung aus, dass niemand die auf Facebook verbreitete Klage der Familie des Opfers hört: „Zur Schau zu stellen, wie unsere Tugce stirbt ist unter aller Würde, für Tugce selbst und alle Hinterbliebenen!“ Das ist natürlich lächerlich. Denn „unsere Tugce“ gehört selbstverständlich nicht ihrer Familie, sondern uns allen: Der Totschläger hat ihr das Leben genommen, ihren Tod lassen wir uns nicht auch noch nehmen. Um sicherzustellen, dass niemand, wirklich niemand auf die entsetzlichen Einzelheiten des Verbrechens verzichten muss, stellt auch die Bild-Zeitung auf ihrer Website das Video zur freien Verfügung.

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