Wer ein fremdes Haus betreten will, pflegt anzuklopfen. Als aber die europäischen Kolonialmächte im 19. Jahrhundert sich Zutritt zum afrikanischen Haus verschafften, traten sie die Türen ein, unterwarfen die Bewohner und plünderten die Vorräte, also Rohstoffe wie Kautschuk, Elfenbein und Palmöl.

Die Annexion und Ausbeutung Afrikas hat nicht vor 130 Jahren begonnen, aber 1885 kamen auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Bismarck in der alten Reichskanzlei – zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor – Vertreter europäischer Staaten, der USA und des Osmanischen Reichs auf der Afrika-Konferenz zusammen und vollendeten mit der sogenannten Kongo-Akte die Aufteilung des Kontinents.

Es ist nicht bekannt, wie viele Millionen Afrikaner in den folgenden Jahrzehnten von den Europäern getötet wurden und wie viele an Hunger, eingeschleppten Krankheiten und infolge Misshandlungen starben. Allein in der Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II. – eher ein Schlachthaus als eine Kolonie – sollen es rund zehn Millionen gewesen sein.

Kein Teil der kollektiven Ereinnerung

Die Unterwerfung Afrikas war ein europäisches Projekt, die Deutschen haben sich der gemeinsamen Sache im Namen der europäischen Wertegemeinschaft nicht verweigert. Zwar trat Deutschland nur 34 Jahre – von 1884 bis 1918 – als Kolonialmacht in Erscheinung, aber so kurz seine Kolonialherrschaft in den heutigen Staaten Namibia, Tansania, Burundi, Ruanda, Togo und Kamerun gewesen ist, war sie nicht weniger brutal als die der europäischen Komplizen: Der Genozid an den Herero und Nama in Namibia taucht gelegentlich in Zeitungen auf – bis heute fehlt eine offizielle Entschuldigung der Bundesrepublik – , die 100 000 bis 300 000 Toten im Maji-Maji-Krieg in Tansania sind kaum mehr bekannt, im historischen Dunkel verschwunden sind die Afrikaner, die den berüchtigten „Strafexpeditionen“ der deutschen „Schutztruppen“ auch in Kamerun und Togo zum Opfer fielen.

Auch hier handelt es sich um ein europäisches Projekt: In keiner ehemaligen Kolonialmacht ist die Ausplünderung Afrikas Teil der kollektiven Erinnerung. Und auch hier will Deutschland nicht beiseite stehen: Wie in Brüssel, Paris, London und Rom ist in Berlin die Kolonialzeit als historische Tatsache so intensiv verdrängt, dass heute nur noch ein paar Straßennamen an Täter und Tatorte erinnern (selbstverständlich nie an die Opfer).

Der Gründungsintendant des Humboldt-Forums, Hermann Parzinger, hat angekündigt, im neuen Berliner Stadtschloss (Humboldt-Forum) den deutschen Kolonialismus und seine Verbrechen angemessen zu thematisieren. Das würde bedeuten, dass die Sammlungen des Ethnologischen Museums, die im Neubau untergebracht werden, nicht mehr nur als Akkumulation von Kulturgütern ausgestellt, sondern als Teil der kolonialen Gewaltgeschichte betrachtet werden.

Im Völkerkundemuseum steht der perlenbesetzte Thron des Königs Njoya von Bamum, den er 1908 dem deutschen Gouverneur in Kamerun als Geschenk für Kaiser Wilhelm II. übergab. Die Gabe lässt sich als Ausdruck friedlicher Koexistenz von Kolonialmacht und afrikanischem König betrachten. Aber der Blick auf den Thron verändert sich, wenn man weiß, an welchem Ort er übergeben wurde – Buea, damals Hauptstadt der deutschen Kolonie, konnte erst errichtet werden, nachdem die Deutschen die Ethnie der Bakwiri fast vollständig ausgelöscht hatten.

Die Europäer sollten sich an die Kolonialgeschichte erinnern, wenn sie die Klopfzeichen an den Türen des Hauses Europa hören. Jetzt sind es die Menschen aus Afrika und Vorderasien, die Einlass begehren – aber sie klopfen an und treten nicht die Türen ein. Unterwerfung steht nicht auf ihrem Programm, und die Plünderung überlassen sie den Schleusern, die sie dafür bezahlen, dass sie sie bis vor das Haus Europa bringen. Sie verlangen nichts, sie bitten nur – ums Überleben. Doch es zeigt sich: Der Kolonialismus ist vorbei, aber die europäische Wertegemeinschaft, in deren Namen er betrieben wurde, hat überdauert.

Also blieben die Türen des Hauses verrammelt, werden die Landwege für die Flüchtlinge verriegelt und der Seeweg als Todesfalle in Kauf genommen. Allein in diesem Jahr starben im Mittelmeer bereits rund 1 800 Menschen auf der Flucht nach Europa. In diesen Tagen finden auf deutscher und europäischer Ebene verschiedene „Flüchtlingsgipfel“ statt. Aber geboten ist eine neue Afrika-Konferenz, gerne in Berlin, die nicht mehr darüber berät, wie die Türen Afrikas eingetreten, sondern wie die Türen Europas für Afrikaner möglichst weit geöffnet werden können. Das wäre dann eine europäische Wertegemeinschaft, die den Namen verdient.