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Der Berliner Bezirk Kreuzberg war bei seiner Entstehung in den 1920er-Jahren kaum mehr als ein Verwaltungskonstrukt. Ohne ein erkennbares Zentrum, bestand er aus mehreren Postbezirken, ein paar großen Straßenzügen und zwei Kopfbahnhöfen. Wer hier herzog, war auf Durchgangsstation. In Kreuzberg kamen viele an, aber wenige blieben. Ein Gefühl des Dazugehörens kam erst später, und es bestand aus dem Nebeneinander von Menschen mit Migrationshintergrund.

Der SPD-Bezirksbürgermeister Willy Kressmann war einer, der das ein halbes Jahrhundert später erkannte. Er hatte es sich zum Ziel gemacht, das allgemeine Gefühl der Entwurzelung in ein neues Kreuzberger Wir-Gefühl zu verwandeln. Er bezog auch Bevölkerungsgruppen mit ein, die von Ausgrenzung bedroht waren.

Kressmann regierte seinen Bezirk von 1949 bis 1962, lange bevor die Band Ton, Steine, Scherben die Kreuzberger Revolte besang und die Gebrüder Blattschuss den Stadtteil im okkupierenden Grölsound zur Partymeile erklärten. Wer Kreuzberg sagt, befindet sich also immer schon in einem Gestrüpp aus Projektionen über politische Selbstbehauptung und gegenwartsgesättigtem Lebensstil.

Seit ein paar Jahren buchstabiert man dazu das schwierige Wort Gentrifizierung. Als wissenschaftlicher Begriff beschreibt es den Wandel ganzer Stadtteile durch soziale Mobilität. Preiswerte Viertel werden schick durch den Zuzug neuer Mittelschichten, und die sozial Schwachen können sich die mit jedem Wohnungswechsel steigenden Mieten bald nicht mehr leisten.

Die Stadtsoziologie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit solchen Verdrängungsphänomen, und eine kluge Stadtentwicklungspolitik muss intensiv darum bemüht sein, lenkend zwischen aggressiver Immobilienspekulation und konstruktiver Raumentwicklung zu unterscheiden.

Weil das nur selten gelingt, gehört Kritik an der sozialen Dynamik von Wohnen, Bauen und Leben zum guten demokratischen Ton. Die Mieten steigen ja nicht nur, weil Wohnungseigner sich daran bereichern. Die Verteuerung des Wohnraums hat nicht zuletzt auch mit veränderten gesellschaftlichen Vorstellungen von Nachhaltigkeit und Energieeffizienz zu tun.