Man traut seinen Augen und Ohren nicht: Die US-Botschaft in Berlin hat eine Warnung an Landsleute verschickt, in Hamburg vorsichtig zu sein und gut auf sich aufzupassen. Die Polizeigewerkschaft mahnt, das in Hamburg erreichte Ausmaß an Gewalt könne den „Schusswaffengebrauch situationsbedingt wahrscheinlich“ machen. Die Polizei erklärt Teile der Stadt zum „Gefahrengebiet“, in dem jeder, der einen schwarzen Kapuzenpulli trägt, verdächtig ist und kontrolliert werden kann.

Häuser von SPD-Politikern werden nachts mit Steinen beworfen. Die Handelskammer fordert, der gewalttätige Vandalismus müsse endlich gestoppt werden, der wehrhafte Rechtsstaat entschiedener eintreten. Die Nachrichten aus der Freien und Hansestadt Hamburg klingen, als kämen sie aus einer terrorgebeutelten Weltgegend oder aus Weißrussland, aber nicht aus der wohlhabenden und vornehmen Metropole an der Elbe.

Was ist los in Hamburg? Seit den Krawallen am 21. Dezember vor dem Kulturzentrum Rote Flora im Schanzenviertel ist die Konfrontation zwischen Linksautonomen und Polizei und SPD-Senat eskaliert. Bei der Suche nach Gründen werden immer wieder drei sozialpolitische Komplexe genannt.

Erstens das Kulturzentrum Rote Flora, ein seit Jahrzehnten besetztes Haus. Nun gibt es neue Investoren, die gerne räumen lassen würden und das auch offen fordern. Keine Partei in der Bürgerschaft, nicht einmal die CDU, ist für eine Räumung. Die Investoren hätten einen jahrelangen Klageweg zu beschreiten. Eine baldige Räumung droht also gar nicht. Zweiter Konfliktherd sind die Esso-Häuser in St. Pauli. Die Bewohner mussten ihre Bleibe verlassen, mehrere Gutachten sprechen von Einsturzgefahr. Dennoch löste auch das Proteste aus, die sich ganz allgemein gegen Gentrifizierung und die Baupolitik des Senates wandten. Und drittens geht es bei den Protesten auch um die Lampedusa-Flüchtlinge, die seit Monaten illegal in der Stadt leben, sich teilweise verstecken oder von der Kirche aufgenommen wurden.

Zwar löst deren Schicksal große Betroffenheit weit über die linken und kirchlichen Spektren hinaus aus, doch scheinen die Krawalle insgesamt nur bedingt politisch motiviert. Zwischen den Aktivisten der Roten Flora und den meist jungen vermummten Männern, die mit Steinen und Böllern nicht nur auf Polizisten losgehen, sondern auch gleich Läden, Drogerien und Bankschalter zerstören, gibt es allenfalls lose Verbindungen. Die Gewalt ist unpolitisch, zufällig und eruptiv. Deren Akteure bedienen sich mehr der subkulturellen Tradition früherer Hafenstraßenjahre, als dass sie tatsächlich aus politischen Anliegen hervorginge. Die Konflikte haben sich längst von möglichen Ursachen entkoppelt und ähnelt darin dem Hooliganismus rund um Fußballstadien.

Der Hamburger SPD-Senat scheint diesen Mechanismus von linker Polit-Symbolik und Krawalllust wenig begriffen zu haben. Die Umwidmung ganzer Stadtzonen in Gefahrengebiete ist maßlos überzogen und ruft düstere Erinnerungen an politische Notstandsgesetzgebungen wach. Man schickt Polizisten in unnötige Schlachten, als habe man nie etwas von Strategien zur Deeskalation gehört.

Den Hamburger Sozialdemokraten scheint noch das Schill-Trauma in den Knochen zu stecken, über das die SPD vor gut 13 Jahren die Macht in Hamburg verlor, weil sie es zugelassen hatte, dass sich um den Hauptbahnhof eine unerträgliche Drogenszene breitgemacht hatte. Richter „Gnadenlos“ Ronald Schill machte sich die desolaten Verhältnisse und die Empörung der Hamburger über die Tatenlosigkeit der SPD zum Wahlkampfthema, siegte und ermögliche CDU und Schillpartei den Wechsel. Das ist bis heute nicht vergessen.

Hamburg, das kommt dazu, ist eine Stadt, in der politische Konflikte immer gerne ein paar Grade härter ausgetragen werden als andernorts. Womöglich ist das alles so, weil Hamburg extremer ist als Berlin oder Köln: extrem reich und extrem arm, weil Unterschiede augenfälliger sind, Probleme schärfer, Gegensätze größer.

Es wäre jetzt die Aufgabe des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz, sich den von Gewalt verschütteten Themen wieder zuzuwenden und auch endlich eine dauerhafte Lösung für die Rote Flora zu finden, die das Viertel befriedet und nicht mehr zur bundesweiten Krawallbühne macht.

Höchste Zeit also, wieder Politik zu machen, höchste Zeit für Nachdenken, für Deeskalation und für Lösungsversuche im Detail. Sonst lässt sich die Gewalt kaum eindämmen. Sonst bleibt Hamburg, was es seit Jahren ist: Deutschlands beliebteste Bühne für sinnfreie gewalttätige Spektakel.