Wer des sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen verdächtigt wird, hat im schlimmsten Fall eine Verurteilung zu fünf Jahren Freiheitsstrafe, in jedem Fall aber die schärfsten Sanktionen der Gesellschaft zu erwarten. Wer verdächtigt wird, ein Dieb zu sein, muss ebenfalls im Falle einer Verurteilung mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug rechnen, und selbst ein nur milder Tadel des Gerichts wird die Zerstörung seines Rufs als unbescholtener Bürger nicht verhindern. Uli Hoeneß, Wurstfabrikant, Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern München, wird nicht nur verdächtigt, sondern ist seit gestern angeklagt, 3,2 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben. Ihn erwartet – wie den Schänder von Jugendlichen und den gewöhnlichen Dieb – eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren, im Übrigen aber erwarten ihn: Solidaritätserklärungen seiner Aufsichtsratskollegen, Unterstützungszusagen der Vereinssponsoren, Ermunterung, Schulterklopfen und „Uli,Uli“-Rufe der sich honorig dünkenden Halbwelt.

Hoeneß selbst hat auf die Zulassung der Anklage durch das Landgericht München II so reagiert, wie man es inzwischen von ihm erwarten durfte. Er staunte über die Uneinsichtigkeit der Strafverfolger und kündigte an, Präsident des Vereins bleiben zu wollen. Die Fortsetzung seiner Präsidentschaft begründet Hoeneß so, wie auch die Sponsoren des Vereins und die Mitglieder des Aufsichtsrates ihre Duldung der Fortsetzung begründen. Nachdem Hoeneß sich selbst als Steuerbetrüger geoutet und angezeigt hatte, plädierte Herbert Hainer, Vorstandschef von Adidas und Mitglied des Aufsichtsrates des FC Bayern München, an Hoeneß festzuhalten: „ Ich bin der Meinung, dass es keinen Besseren für die Position gibt.“

Es verdient Beachtung, dass der Verein sich keinen besseren Präsidenten wünschen kann als einen geständigen Betrüger, für den natürlich spricht, kein Dieb, ja nicht einmal ein Sexualtäter zu sein. Im Übrigen, heißt es, habe Hoeneß die Straftat als Privatier begangen, nicht als Vereinspräsident. Das ist eine subtile Differenzierung, die noch beträchtliche Wirkungen entfalten könnte: Wird ein Politiker künftig beim Ladendiebstahl erwischt, darf er zu seiner Rechtfertigung darauf verweisen, als Privatmann gehandelt zu haben und sich Rücktrittsforderungen verbitten. Hoeneß ist kein Politiker, sondern Wurstfabrikant und Vereinspräsident? Schon richtig, aber sollte sich die Gesellschaft wirklich den Luxus erlauben, von ihrem moralischen Tadel nicht etwa Wurstfabrikanten auszunehmen, sondern Wurstfabrikanten, sofern sie dem erfolgreichsten und reichsten Fußballverein Deutschlands präsidieren?

Compliance bedeutet die Beachtung von Recht und Gesetz durch Unternehmen, aber auch der von den Unternehmen selbst gesetzten ethischen Standards. Die Compliance-Kultur soll allen Mitarbeitern eines Unternehmens, den Kunden und den Lieferanten verdeutlichen, welche Bedeutung das Unternehmen der Beachtung von Regeln beimisst. Im Aufsichtsrat des FC Bayern München sitzen Vertreter von Konzernen, die auch als Sponsoren des Vereins in Erscheinung treten: Telekom, VW/Audi und Adidas. Die Konzerne haben sich strikte Regeln für eine rechtlich einwandfreie Unternehmensführung gegeben, in denen sie sich besonderen Sorgfaltspflichten unterwerfen. Nicht einer dieser Aufsichtsräte hat nach der Selbstanzeige Hoeneß’ im Namen ehrlicher Unternehmensführung dessen Rücktritt verlangt. Selbst nachdem gestern die Anklage gegen den Steuerbetrüger vom Landgericht zugelassen wurde und Hoeneß erneut beteuerte, einen Rücktritt nicht in Betracht zu ziehen, schwieg sich die ehrenwerte Compliance-Gesellschaft aus.

Warum auch nicht? Der Steuerbetrug ist in Deutschland jahrzehntelang als Kavaliersdelikt betrachtet worden, das von jedermann – sofern er genügend Geld hatte – begangen und von der Justiz nur milde oder überhaupt nicht bestraft wurde. Zwar war der Schaden, den der Staat durch den Betrug seiner Bürger erlitt, enorm, aber das Verständnis des Staates für die Täter war nicht wesentlich geringer. Erst seit der Bundesgerichtshof die Steuerhinterziehung zum seriösen Delikt erklärte und verfügte, dass ab einer Million Euro hinterzogener Steuern der Täter ins Gefängnis müsse, hat sich allmählich herumgesprochen, dass der Steuerbetrug gegen die Compliance-Kultur der Gesellschaft verstößt. Nur die Sponsoren und die Mitglieder des Aufsichtsrates des FC Bayern München haben das noch nicht begriffen. Zwar ist nicht wahrscheinlich, dass Hoeneß am Ende eine Freiheitsstrafe verbüßen muss. Aber selbst dann würden ihn seine ehrenwerten Freunde wohl bitten, Präsident zu bleiben. Denn, wie gesagt, einen Besseren haben sie nicht.