Zwei Ereignisse dieser Tage haben eine Frage zurück in die Debatte gebracht, die schon ausdiskutiert zu sein schien: Gehört der Islam nun zu Deutschland oder nicht? Der bizarre Streit um einen muslimischen Schützenkönig und ein rassistischer Zeitungskommentar haben sie wieder aktuell gemacht.

Das Problem an dem Satz von Christian Wulff ist, dass er in seiner Allgemeinheit ebenso richtig wie falsch liegt. Das hängt damit zusammen, dass der Islam keine geschlossene Weltanschauung mit einer allgemeingültigen Auslegung ist. „Den Islam“ gibt es einfach nicht. Insofern ist auch die Aussagekraft der jüngsten Umfrage, in der sich 52 Prozent der Befragten skeptisch über Wulffs Aussage äußern und 44 Prozent ihr zustimmen, zweifelhaft. Welchen Islam mögen sie gemeint haben?

Wenn wir sehen, wie Islamisten im Irak und in Syrien mit aller Gewalt einen Gottesstaat errichten wollen, ist klar: Dieser Islam gehört ganz gewiss nicht zu Deutschland. Das sehen sicherlich die Millionen Muslime, die friedlich in der Bundesrepublik leben und zu einem großen Teil schon hier geboren wurden, genauso. Und sie gehören selbstverständlich zu unserem Land, mit ihrem Glauben.

Mithat Gedik - ein Modellfall der Integration

Das gilt auch für Mithat Gedik, den Schützenkönig von Werl in Westfalen. Er ist zum Objekt einer Auseinandersetzung in seinem christlichen Schützenverein geworden, dessen Dachverband ihn wegen seines Glaubens nicht akzeptieren wollte. Dabei ist er ein Modellfall der Integration, in der freiwilligen Feuerwehr ebenso aktiv wie im Schützenverein. Er ist mit einer deutschen Katholikin verheiratet, hat gar vier getaufte Kinder. Zu seinen Abiturfächern zählte die katholische Religionslehre, das heißt, er weiß im Zweifel mehr über diese Religion als jene, die in dem Verein über die reine christliche Lehre und den Grundsatz „Für Glaube, Sitte, Heimat“ wachen.

Was eigentlich ist das typisch Christliche an diesem Sport? Wer je auf einem Schützenfest war, wird dort kaum Zeichen einer besonderen christlich-sittlichen Kultur entdeckt haben. Die kehrt dann erst wieder beim gemeinsamen Gottesdienst am nächsten Sonntagvormittag ein. Eventuell. Religion wird immer dann zu einem Problem, wenn sie ihr eigentliches Feld, den Glauben und die Kirche, verlässt und versucht, ihre Normen auf andere gesellschaftliche Bereiche auszudehnen, und sei es auf einen Schützenverein. Seit der Aufklärung ist dieser Anspruch in Europa im Prinzip überwunden, aber Restbestände existieren, wie sich zeigt.

Die Schützenbrüder stehen zu Gedik

Es geht immer gut, solange die Religion Privatsache bleibt – wie beim Freizeitschützen Mithat Gedik. Dessen Glauben hat niemanden in seinem Verein interessiert, bis die Religionswächter auf den Plan getreten sind. Beruhigend ist, dass seine Schützenbrüder noch immer zu ihm stehen und sogar der Präses des katholischen Schützenbundes inzwischen befunden hat, Gedik möge doch Schützenkönig bleiben.

Ganz problematisch wird es allerdings, wenn eine eigentlich rassistische Haltung mit religiösen Argumenten verbrämt wird, wie es ein stellvertretender Chefredakteur der Bild am Sonntag in einem viel diskutierten Kommentar getan hat. Im Kern kam er zu dem Schluss, dass ein Deutschland ohne Muslime ein besseres Deutschland wäre. Besonders infam klang die These, der Islam sei ein Integrationshemmnis und mit seinen Anhängern werde der Rassismus nach Deutschland importiert – was für ein Vorwurf in einem Land, in dem eine rassistische Mörderbande gezielt Muslime getötet hat.

Religiösen Fanatismus kennen alle Religionen

Als Beleg seiner Thesen führte er Auswüchse des religiösen Fanatismus an, wie sie eben nicht nur der Islam kennt. In ihren extremen Formen haben alle Religionen etwas Ab- und Ausgrenzendes, gilt das Gebot der Nächstenliebe nur den eigenen Leuten. Über die Achtung von Frauen oder Homosexuellen in der katholischen Kirche ließe sich trefflich debattieren, ebenso wie über die Verleugnung der Evolutionstheorie durch christliche Fundamentalisten.

Die Vermischung politischer Auseinandersetzungen mit religiösen oder ethnischen Kategorien ist grundsätzlich ein Unding. Ich möchte die Politik der israelischen Regierung kritisieren können, ohne als Antisemit beschimpft zu werden, und ich möchte mich mit der Politik Erdogans in der Türkei auseinandersetzen können, ohne als islamfeindlich zu gelten.

Anderswo in der Welt werden leider immer noch Religionskriege geführt, das ist schlimm genug. Wir aber sollten in Deutschland nicht nur die Kirche im Dorf lassen. Wir sollten unsere muslimischen Landsleute Schützenkönige, Fußballstars und gern auch einmal Bundeskanzlerin werden lassen.