Die Unterhändler von CDU, CSU und SPD verhandeln gerade heftig über Mietpreisbremse, Mütterrente und Maut. So wichtig dies alles sein mag, verliert die große Koalition doch das große Ganze aus dem Blick. Bundeskanzlerin Angela Merkel steht ohnehin nicht in dem Ruf, eine Revoluzzerin zu sein. „Sie kennen mich“, lautete der zentrale Satz ihres Wahlkampfs. Ihre Politik der vorsichtigen Schritte, ihr abwartendes Auf-Sicht-Fahren hat der Regierungschefin nicht nur einen fulminanten Wahlsieg eingebracht, sondern auch jede Menge Popularität.

Wieso sollte Angela Merkel ihr Erfolgsrezept in ihrer dritten Amtszeit also aufgeben? Die Antwort: Weil sich sonst ihre wohl größte Stärke in der Neuauflage einer großen Koalition als große Schwäche entpuppen könnte. Schwarz-Rot erweckt schon jetzt den fatalen Eindruck eines puren Zweckbündnisses, das wenig mehr zusammenhält als staatspolitische Räson und die Furcht vor Neuwahlen seitens der SPD sowie die bittere Erkenntnis von Kanzlerin und Union, dass sechs Stimmen zur absoluten Mehrheit fehlen, die Bundesrepublik sich aber nicht mit einer Minderheitsregierung führen lässt.

Diesem Anfang wohnt ein Zaudern inne. Wer aber vier von fünf Abgeordneten im Bundestag stellt und 15 von 16 Ministerpräsidenten, wer keinen Bundesrat gegen sich und vier Jahre Legislatur vor sich hat, der kann, nein, der muss mehr wagen als eine Politik der Spiegelstriche.

Angela Merkel, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel müssen die Kraft zu strukturellen Veränderungen in der Regierung aufbringen: Die Ressorts müssen neu zugeschnitten werden. Allerdings darf das nicht unter dem Gesichtspunkt geschehen, noch mehr Posten und Pöstchen für die drei Parteien herauszuschlagen und die Zahl der Ministersessel am Kabinettstisch zu erhöhen. Nein, es ist überfällig, Regierung und Verwaltung an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Zwei herausragende Themen werden die nächsten vier Jahre die politische Agenda prägen – und beide verdienen ein eigenes Ministerium. Erstens: Deutschland ist ein Einwanderungsland, fast jeder fünfte Deutsche hat einen Migrationshintergrund. Es ist an der Zeit, die Fragen der Integration ernsthaft in den Blick zu nehmen, statt sie nur sonntags zu beschwören. Deshalb gehören diese Fragen herausgelöst aus dem Innenministerium, wo Zuwanderung und Flüchtlingsfragen zu oft nur unter den Gesichtspunkten der Sicherheit betrachtet werden. Vier Jahre nach Thilo Sarrazins unsäglichem Buch muss es ein Bundesministerium für Integration und Flüchtlinge geben. Damit würde die Koalition ein klares Signal an die Migranten in Deutschland senden.

Alte FDP-Idee

Im Gegenzug muss, so viel Wahrheit gehört dazu, ein Ministerium eingespart werden. Dafür böte sich die alte FDP-Idee an, das Entwicklungsministerium dem Auswärtigen Amt zuzuschlagen, das seinerseits längst die Zuständigkeit für die Europapolitik weitgehend ans Kanzleramt abtreten musste. Wer zu Recht ständig von einem vernetzten außenpolitischen Ansatz spricht, sollte am Kabinettstisch nicht auf einer künstlichen Trennung beharren.

Womit wir zur zweiten wichtigen Neuerung kommen: der Energiewende. Wenn das Industrieland Deutschland tatsächlich bald komplett auf Kernenergie verzichten, zugleich den Klimaschutz beachten und dennoch bezahlbare Energie behalten will, braucht es Anstrengungen in Staat, Verwaltung und Industrie, die nicht durch institutionalisierte Reibereien im Kabinett erschwert werden sollten. Alle Kompetenzen für dieses Jahrhundertprojekt müssen in einem Haus gebündelt werden. Dafür bietet sich das bisherige Wirtschaftsministerium an, das zwar eine lange Tradition und mit 1500 Stellen noch mehr Beamte hat, dessen politische Relevanz zuletzt jedoch überschaubar war.

Solche strukturellen Veränderungen sorgen natürlich für Ärger im Apparat. Deshalb braucht es auch starke Persönlichkeiten an der Spitze, um die Häuser zügig schlagkräftig aufzustellen. Der SPD-Vorsitzende und ausgewiesene Umweltexperte Sigmar Gabriel wäre eine großartige Besetzung, um als Vizekanzler dem neuen Energieressort das nötige politische Gewicht zu verleihen. Als zusätzlicher Anreiz könnte ihn die Aussicht locken, dass für alle künftigen Aufgaben gerüstet ist, wer die Energiewende deichselt. Für das Integrationsministerium wäre der CDU-Politiker Armin Laschet ein guter Kandidat, um alle in der Union von der Notwendigkeit des Ressorts zu überzeugen. Statt einer Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners sollte die große Koalition so unter Beweis stellen, dass sie die großen Themen erkannt hat. Das wäre nicht wenig zu Beginn von vier schwarz-roten Jahren.