Braucht Europa mitten in seiner größten Krise wirklich ein neues Mitglied? Noch dazu ein Nachkriegsland in der wirtschaftlichen Dauerkrise? Wer aus der Exportschwäche des neuen Mitglieds, der Arbeitslosigkeit, der hohen Verschuldung Kroatiens Hinweise auf künftige Belastungen der Union ableitet, hat leider recht. Nicht recht hat, wer aus alledem schließt, Kroatien und die anderen schwierigen Vaterländer im Südosten Europas sollten noch länger draußen bleiben.

Was die Erweiterungsskeptiker stets vergessen, ist die Gegenrechnung aufzumachen. Was würde passieren, wenn Kroatien – und mit ihm die Nachbarn Serbien, Bosnien, Montenegro – draußen blieben? In diesen Tagen hört man wieder den Ratschlag, die Gemeinschaft solle sich vor der Aufnahme neuer Mitglieder erst einmal „in Ruhe“ vertiefen. Aber wenn man die beitrittswilligen Länder aus den Strategiepapieren der EU streicht, verschwinden sie damit noch lange nicht von der Landkarte. Sie bleiben, wo sie sind, und sie werden sich bemerkbar machen. Ihre Probleme werden draußen größer als drinnen, und weder ein Ozean noch ein Rio Grande trennt uns von ihnen.

Welches Konfliktpotenzial die Region zu bieten hat, konnte die Welt in den kriegerischen Neunzigerjahren studieren. Hätte Europa ganz Jugoslawien mit allen seinen Problemen damals schon aufgenommen, wäre die Katastrophe wohl ausgeblieben. Der zehnwöchige Kosovo-Krieg war dann etwa so teuer wie zehn Jahre Osterweiterung.Der lange Weg zum Beitritt – Kroatien hat volle sieben Jahre lang verhandelt – war ein Weg der Modernisierung, der Demokratisierung, der Verwestlichung. Der Weg war nicht der einzig mögliche. Nach dem Krieg, bis zum Tode des Staatsgründers Franjo Tudjman, ist Kroatien zunächst einen autoritären Sonderweg gegangen.

Als nach dem Kosovo-Krieg die Tür nach Europa endlich offen stand, haben die Wähler prompt kehrtgemacht, und die unterlegene Partei lief der Entwicklung eilig hinterher. Ein paar Jahre später schwenkte auch in Serbien eine autoritäre, nationalistische Opposition auf Europa-Kurs um, weil ihr sonst die Wähler davongelaufen wären.Die europafreundlichen Kroaten, die eben das wollten, haben den Magneten Europa gebraucht und genützt. Wo er fehlt, breitet sich Chaos aus. Die „Ruhe“, in der wir im Westen uns dann vertiefen könnten, wird der Balkan uns nicht lassen; mit Norwegen oder der Schweiz sind Serbien oder Bosnien nicht zu vergleichen. Die Politikermetapher von der Reifung, die der Osten noch zu durchlaufen habe, trifft den Sachverhalt schlecht. Nichts reift da, nichts braucht einfach nur Zeit. Vielmehr wird in allen beitrittswilligen Ländern offen oder verdeckt über das Ziel Europa gestritten. Oligarchen, Potentaten, Extremisten haben kein Interesse daran, Macht abzugeben und dem Ausland Kontrollmöglichkeiten einzuräumen. Die Bevölkerung schon. Im Grunde, so das Rückzugsargument der Skeptiker, sei aber doch der Weg das Ziel: Solange die Länder sich auf den Beitritt vorbereiteten, reformierten sie sich. Seien sie erst mal drin, sei es damit vorbei, wie man am Beispiel Rumäniens und Bulgariens gesehen habe. Daran stimmt, dass sich nach dem enormen Tempo vor dem Beitritt wohl auch Kroatien erst einmal eine Reformpause gönnen wird. Aber noch in allen EU-Ländern hat die Präsenz in den vielen Unionsgremien einen Wandel durch Annäherung mit sich gebracht.

Vor allem aber kann man dem Pferd nicht eine Möhre vor die Nase binden und hoffen, dass es gar nicht merkt, wie die Möhre sich mitbewegt. Irgendwann muss das Versprechen auf Beitritt auch eingelöst werden, wenn es wirken soll. Wie es ausgeht, wenn das ausbleibt, kann man an der Türkei lernen, wo die EU den Pro-Europäern mit ihrer jahrelangen Hinhaltetaktik eine programmierte, nachhaltige Niederlage bereitet hat. Mazedonien und Albanien werden schon zu lange hingehalten. Europa ist in beiden Ländern nur noch das Stichwort von Sonntagsreden; die korrupten Eliten haben sich dort am Rande der Gemeinschaft gemütlich eingerichtet.

Auf der Sollseite der Rechnung stehen kalkulierbare Kosten. Eine halbe Milliarde hat die Kommission für das neue Mitglied in den Haushalt eingestellt; in Zeiten der Bankenrettung ein Betrag, den die EU-Finanzminister zwischen Frühstück und erster Zigarre hinauspulvern. Kandidat für irgendwelche Rettungsschirme wird Kroatien auch nicht sein, solange es nicht Euro-Land wird; in Ungarn und Rumänien, wo es Währungen zu stützen galt, trug die Hauptlast der Internationale Währungsfonds. Ein hymnischer Willkommensgruß an das neue Mitglied ist das alles nicht; dafür aber ein ehrlicher.