Am 1. Juli 1990 sprach der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl davon, dass der Osten Deutschlands sich bald in „blühende Landschaften“ verwandeln werde, „in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt“. Tatsächlich entstanden auf dem Territorium der DDR vielerorts blühende Landschaften. Vor allem dort, wo bis dahin Industrie gewesen war. Über zahlreiche Industriestandorte wuchs Gras. Die neuen Bundesländer verödeten, die Menschen verließen weiter in solchen Mengen ihre Heimat, dass ganz Landstriche entvölkert wurden. Dort war es mit leben und arbeiten vorbei.

Das gilt natürlich nicht für alle Regionen, für jede Stadt und jedes Dorf. Niemand kann übersehen, wie sehr Dresden sich verändert hat, wie sehr auch Leipzig oder Potsdam. Es gibt in vielen Bereichen der ehemaligen DDR deutlich bessere Straßen als zum Beispiel in manchen Abschnitten des Ruhrgebiets oder des Hunsrück. Das sagt aber nichts aus über die Wirtschaftskraft dieser Regionen. Gute Straßen sind eine notwendige Voraussetzung für die Ansiedlung von Unternehmen. Sie sind aber keine hinreichende. Mancherorts dienen die frisch asphaltierten Straßen den letzten Jugendlichen der Gegend dazu, ihr Leben in Crash-Wettbewerben aufs Spiel zu setzen.

Kommenden Mittwoch wird die Bundesregierung wie jedes Jahr eine Studie vorlegen zum Stand der deutschen Einheit. Bild am Sonntag hat ein paar Daten daraus erhalten und versucht uns einzureden, Helmut Kohl habe „offensichtlich recht – wenn auch um einiges später!“ Selbst wenn das stimmte: Wenn man nach einem Vierteljahrhundert Recht bekommt, hat man ein Vierteljahrhundert Unrecht gehabt. Wir wünschen uns alle, dass es dem Osten Deutschlands besser geht. Nicht nur aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus, sondern auch, weil wir wissen, wenn es dem Osten besser geht, geht es uns allen besser. Wir erinnern uns sehr genau daran, wie sehr der sogenannte Aufbau Ost auch eine Spritze war für die einknickende Konjunktur Westdeutschlands.

Ganze Dörfer sind ausgestorben

Wenn es stimmen sollte, dass „der Saldo der Binnenwanderung zwischen Ost- und Westdeutschland 2012 erstmals seit der Wiedervereinigung nahezu ausgeglichen war“, dann interessiert uns natürlich das „nahezu“. Aber auch wenn das nahezu sehr nahe am Ausgleich sein sollte, wissen wir immer noch nicht, wie wir diese Entwicklung interpretieren sollen. Der Verdacht, dass erhebliche Teile der Erwerbsbevölkerung bereits abgegangen sind und darum jetzt weniger umziehen, drängt sich doch auch auf.

Wir erinnern uns noch daran, dass es einmal hieß: Damit die Menschen nicht mehr zur D-Mark rennen, muss die D-Mark zu ihnen kommen. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Die Menschen sind weiter nach Westen gegangen. Nicht, weil der bayerische Wald schöner ist als die Ostsee, sondern weil sie emigrieren mussten. Sie sind Arbeitsemigranten. Wir nennen das gerne Freizügigkeit. Frei wäre es freilich nur dann, wenn man die freie Wahl hätte. Das ist aber nicht so. Denn in weiten Bereichen des Ostens der Bundesrepublik, gibt es kaum eine Möglichkeit, eine Arbeit zu finden, die es einem erlaubt, dort zu leben. Dass das inzwischen auch für einige Regionen des Westens gilt, verschlimmert die Lage.

Zur Lage der deutschen Einheit sagt diese Entwicklung vor allem, dass es der Bundesrepublik geglückt ist, die Arbeitsimmigranten aus dem Bereich der ehemaligen DDR gut zu integrieren, dass es ihr aber gerade nicht gelingt, das Territorium, aus dem sie kommen, in eine blühende Wirtschaftslandschaft zu verwandeln. Es gibt Oasen, Gärten. Und es gibt Parkanlagen wie Schulen und Universitäten, in denen der Nachwuchs ausgebildet wird. Für den es aber vor Ort kaum Arbeitsplätze gibt. Viele werden nach Abschluss ihres Studiums sich nach Westen wenden. Dort werden sie – wenn alles gut geht – helfen, Stuttgart, München, Frankfurt, Hamburg, Köln weiter zu entwickeln.

Wen diese Überlegungen an die Lage vieler Länder der Dritten Welt erinnert, der täuscht sich nicht. 1989 hieß es: Wir sind ein Volk. Wir sind inzwischen ein Land. Ein tief gespaltenes Land. Mache Gegenden um Berlin herum haben verblüffende Ähnlichkeit mit dem italienischen Mezzogiorno. Ganze Dörfer sind ausgestorben. Weit und breit keine Industrie. Keine große und keine kleine. Viele der Geschäftsgründungen der Nachwendezeit etwa im Bereich eines sanften Tourismus sind pleite gegangen. Wer hier lebt und wo anders sein Geld verdient, mag den Frieden hier genießen. Die anderen fühlen sich abgeschoben und allein gelassen. Viele haben es aufgegeben, sich als arbeitslos zu melden.