Die hohe Zahl nährt den Skandal. Laut eines Berichts, den die Berliner Grünen am Mittwoch vorgestellt haben, soll es im Umfeld der Alternativen Liste, der Berliner Vorläuferorganisation der Partei, in den 80er- und 90er-Jahren zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben haben. Die Grünen, so scheint es, werden trotz aller Aufklärungsversuche ihre schmuddelige Vergangenheit nicht los. Aber schmuddelig ist schon das falsche Wort, weil es die dringend gebotene Nennung von Namen, Zahlen und Fakten auf seltsam verdruckste Art kaschiert. Es ist eine unbefriedigende Begleiterscheinung der in immer neuen Auflagen wiederkehrenden Pädophilie-Debatte, dass Aufklärung und Skandalisierungsfuror sich untrennbar miteinander verquicken.

Die Zahl der Opfer ist erschreckend, aber sie kann nicht verwundern. Sie verweist vielmehr auf ein dunkles Kapitel der bundesrepublikanischen Kulturgeschichte, in dem kriminelles sexuelles Verhalten gegenüber Kindern unter dem Deckmantel politischer Emanzipation gehalten wurde. Was heute unschwer als strafrechtlich relevantes Verhalten zu bewerten ist, kam damals im Namen einer Bewegung daher, die danach trachtete, das Recht auf pädophile Neigungen vor allem auch juristisch durchzusetzen. Daran gibt es nichts zu relativieren. Unter Parolen wie „Straffreiheit für Kinderliebe“ war es deren Ziel, die Entkriminalisierung der Pädophilie gesellschaftlich zu etablieren. Gelungen ist das nie. Insbesondere eine sich damals neu konstituierende Sexualwissenschaft hat unmissverständlich klargemacht, dass es keinen Freiraum für sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen geben kann.

Ideologisch fragwürdige Gründungsphase

Gruppen und Propagandisten dieser Bewegung gab es dennoch zuhauf in nahezu allen großen und mittleren Städten der Republik. Ihre Hauptstadt aber war Berlin. Nirgends sonst stießen subversive Experimentierlust, politische Extremismen und libertärer Ausdruckswille auf so engem Raum zusammen und fanden mühelos Räume und Gelegenheiten, sich in einem bizarren Karneval der Lebensformen zu präsentieren. Die gerade entstehenden Parteivarianten der Grünen waren gesuchte politische Transmissionsriemen dieser Szene. Selbst in der biederen FDP wurden damals Bestrebungen debattiert, derartige Vorstellungen von sexueller Freiheit mit dem politischen Liberalismus zu synchronisieren.

Der Verweis auf den historischen Kontext der zum Teil erschütternden Fallgeschichten geriet zuletzt in den Verdacht, Teil eines Abwiegelungsversuchs zu sein, um eine Diskussion über die politische Verantwortung für die Missbrauchsfälle gar nicht erst aufkommen zu lassen. Für die Grünen kamen die Zwischenergebnisse einer an den Göttinger Politologen Franz Walter vergebenen Studie zur Aufarbeitung der Vorwürfe im zurückliegenden Bundestagswahlkampf mehr als ungelegen. Walter nahm sich die ihm zugesicherte wissenschaftliche Freiheit, keine Rücksichten auf die Bedürfnisse der Partei zu nehmen.

Die Grünen müssen seither damit leben, immer wieder mit ihrer personell dubiosen und ideologisch fragwürdigen Gründungsphase konfrontiert zu werden. Umso verdienstvoller ist es, dass sie dies in Form einer satisfaktionsfähigen wissenschaftlichen Aufklärung tun, in deren Folge nun auch die aktuellen Berliner Fälle ans Licht gekommen sind. Die Gründungsphase jener politischen Formationen, aus denen die Grünen hervorgegangen sind, mag von vielen skandalösen – und wohl auch kriminellen – Verstrickungen durchzogen sein. Zur anhaltenden Skandalisierung der moralischen Verfasstheit der Partei taugt sie deswegen noch nicht.

Gesellschaftliche Verantwortung

Das Verhältnis von Sexualität und Gesellschaft hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten gleich mehrfach gewandelt, und das Beispiel der desaströsen Ziele der Pädophilie-Bewegung zeigt, dass das Scheitern der sexuellen Revolution keineswegs als Niederlage beschrieben werden muss. Noch mehr aber zeigt sich, dass Aufklärung keine für immer gesicherte Errungenschaft ist. In dem Bewusstsein, neben den geltenden juristischen Regeln auch scharfe moralische Trennlinien gegenüber der sexuellen Gewalt gegen Kinder gezogen zu haben, ist die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber dem Krankheitsbild Pädophilie nahezu vollständig aus dem Blick geraten. Wer pädophil ist und kein Täter werden will, für den ist es in einer Atmosphäre leicht entflammbarer Empörung nahezu unmöglich, einen verantwortungsbewussten Umgang mit seiner sexuellen Disposition zu entwickeln. Das ist die Kehrseite des sicheren Gefühls, die unfrohen 70er-Jahre überwunden zu haben.