Es hat sich einiges verändert in diesem Land, und so wie es scheint, auch im Kanzleramt. Nicht, dass jetzt hier andere Menschen leben würden, auch nicht, dass eine andere Kanzlerin regieren würde. Aber in Deutschland, wo viele Jahre lang alles so ruhig und kommod war, gehen plötzlich Zehntausende gegen Zehntausende auf die Straße und rufen laut ihre Meinung hinaus in die Welt. Mitmenschen, von denen man nie glaubte, dass sie politisch so entschieden denken – die das aber wohl immer getan haben, es erst jetzt jedoch deutlich äußern. Und auch Angela Merkel hat sich plötzlich einen Ton angewöhnt, den man von ihr nicht kannte. Sie verschafft sich, sie muss sich Gehör verschaffen, das ist neu.

Es wäre sicherlich zu viel gesagt, dass dieses Land plötzlich gespalten ist, aber dass in Deutschland wieder Ideologien aufeinanderprallen wie lange nicht mehr, das ist überraschend. Und grundsätzlich ist es ja nicht falsch, wenn jeder in diesem Land sich die Freiheit nehmen kann, sich auf die eine oder die andere Seite zu stellen. Auch ist wohl klar, dass die große Mehrheit der Deutschen eher nicht auf der Seite der Menschen steht, die montagabends durch Dresden ziehen.

Also könnte man Angela Merkel sagen, dass es keines politischen Mutes bedarf, um sich als Kanzlerin gegen Pegida zu stellen. Und doch ist es bemerkenswert, dass sie es tut. Nicht nur, weil man als Politiker nie weiß, wie groß die schweigende Mehrheit hinter der lauten Minderheit ist. Es ist vor allem bemerkenswert, wie die Kanzlerin es tut – weil sie nun, gegen ihre Gewohnheit, öffentlich und persönlich mit ihrer Geschichte argumentiert. Und weil sie in beide Richtungen spricht, gegen diejenigen, die Vorurteile schüren in Deutschland, und gegen diejenigen, die Gewalt nach Europa bringen. Sie sagt: „Unsere Werte sind nicht verhandelbar.“ Auch und gerade, weil sie von zwei Seiten unter Druck sind.

Sicher, Angela Merkel hat ihre Biografie immer wieder einmal eingebracht, aber heute spricht sie nicht nur in ihrem Neujahrsgruß im Fernsehen, sondern eigentlich in jeder Rede von der Freiheit in Deutschland, die vor 25 Jahren gewonnen wurde. Und die es zu bewahren gilt. Sie verteidigt ihren Begriff von Freiheit, der kein abstrakter ist, sondern einer, dessen Wert sie erst spät erfahren durfte, und der ihr wohl deshalb so schützenswert erscheint. Daher sagt sie denen, die jetzt rufen: „Wir sind das Volk“ – nein, das seid ihr nicht. Zumindest nicht nur ihr. Und vor allem: Diejenigen, die 1989 im Osten auf die Straße gingen, begehrten gegen Grenzen und Mauern auf, weil ihnen die Welt hinter dem Horizont der DDR nicht als Gefahr, sondern als Ort der Freiheit erschien.

Angela Merkel unerwartet emotional

Die Kanzlerin sagt den Pegida-Anhängern auch: Damals haben Menschen dafür demonstriert, dass ihre Kinder ohne Angst vor dem Leben in einer Diktatur aufwachsen dürfen. Das sei das gleiche Motiv, das Flüchtlinge heute dazu bringe, mit ihren Familien nach Deutschland zu kommen. Sie sagt den Demonstranten, dass Menschen in Deutschland schon einmal aus- und eingegrenzt wurden, in der DDR. Sie zitiert Bürgerrechtler, die vor zweieinhalb Jahrzehnten, als die Mauer gefallen war, darauf setzten, dass die neue deutsche Gesellschaft niemals eine geschlossene werden dürfe. So legt sie sich fest.

Interessant ist, dass Merkel einerseits unerwartet emotional ihre Worte setzt. Dass sie zum Beispiel von Anstand redet, der es gebiete, Flüchtlinge gut zu behandeln. Und dass sie Hass und Kälte in manchen Herzen sieht. Andererseits hält sie sich bei der Wahrung des Anstands und der Werte an die kühle Sprache des Grundgesetzes, sagt, wie wichtig ihr diese Verfassung sei. Die Verfassung eines freiheitlichen Staates. Sie hat anderes kennengelernt und das in diesen Tagen einmal so zusammengefasst: Das Wissen über das Woher stärkt die Gewissheit über das Wohin. Das ist die Bilanz ihrer Geschichte.

Merkel argumentiert also mit der Erfahrung einer Ostdeutschen; und sie fegt so nebenbei das Vorurteil hinweg, dass Menschen aus der ehemaligen DDR eher anfällig für Pegida seien. Gibt es doch viele Menschen wie die Kanzlerin, denen die Erfahrungen im Osten einen ganz besonderen Freiheitsbegriff gegeben haben. Jetzt, nach bald zehn Jahren Kanzlerschaft, zeigt sich, dass Merkel bereit ist, für diese Freiheit mit klaren Worten einzustehen. Damit hätte man so nicht gerechnet. Zumal sie mit der Art, wie sie jetzt auftritt, auch Joachim Gauck Konkurrenz macht. Das wiederum ist nicht verwunderlich, weil auch er die Geschichte so kennengelernt hat wie Merkel. Verfolgt man ihre Reden, merkt man, dass beide zurzeit eine Agenda verbindet – die Freiheit gegen jede Bedrohung zu verteidigen. Und nicht erst jetzt, da auch die Kanzlerin lauter und deutlicher spricht, sollte man: zuhören.