Warum treten Politiker in Deutschland zurück? Weil sie Fehler gemacht haben (selten), weil sie die Unterstützung ihrer Anhänger verloren haben (häufiger), weil sie mal etwas anderes machen wollen (kommt auch vor).

Aber weil sie krank sind, erschöpft, das aufreibende Amt nicht mehr schaffen? Das hat es in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben – mit einer Ausnahme, und die hieß auch Matthias Platzeck. 2006 trat er als SPD-Vorsitzender im Bund zurück, ausgebrannt und aufgezehrt von der Doppelbelastung an der Spitze von Partei und Bundesland; zusätzlich beschwert von den übermenschlichen Erwartungen, die an den neuen Hoffnungsträger der auch damals schon an sich leidenden SPD gerichtet wurden.

Politiker sind oft Süchtige, die von der Droge nicht lassen können, die Macht und Einfluss, Bedeutung und Ansehen, Ruhm und Ehre verheißt. So wenige wir kennen, die einer angeschlagenen Gesundheit Tribut zollen, von so vielen gegenteiligen Entscheidungen wissen wir. Oskar Lafontaine, der wenige Wochen nach dem beinahe tödlichen Anschlag den Wahlkampf als SPD-Kanzlerkandidat wieder aufgenommen hat. Peter Struck, den ein Schlaganfall nicht daran hinderte, auf seinen Ministerposten zurückzukehren. Horst Seehofer, der nach einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung erst richtig loslegte mit seiner Karriere. Wolfgang Schäuble, der an schweren Komplikationen als Folge seiner Querschnittslähmung litt. Sie alle haben sich entschieden weiterzumachen. Alphamänner geben nicht auf.

Geändert hat sich in den vergangenen Jahren nur der Umgang mit der Krankheit. Früher wurde sie vollkommen verschwiegen, weil sie als Zeichen der Schwäche verstanden wurde. Helmut Schmidts Operation, bei der dem Bundeskanzler der erste Herzschrittmacher eingesetzt wurde, unterlag noch größter Geheimhaltung.

Seht her, ich bin so stark

Heute dürfen Politiker immerhin über Gesundheitsprobleme reden, ohne dass dies Folgen für ihre Karriere haben muss. Im Gegenteil. Die Botschaft lautet nun: Seht her, ich bin so stark, dass ich auch eine ernste Krankheit gut meistere, ich bin jetzt vielleicht sogar besser gewappnet für Herausforderungen aller Art. Und die Bürger haben gesehen, dass in dem Politiker auch nur ein Mensch steckt. Einer, der auch einmal eine Schwäche zeigt, dann aber wirklich alles gibt, um seiner Pflicht wieder nachzukommen.

Auch dafür ist Matthias Platzeck ein gutes Beispiel. Als er 2006 vom SPD-Vorsitz zurücktrat, aber Ministerpräsident von Brandenburg blieb, gab es nur eine kurze Debatte darüber, ob er dieses Amt denn noch bewältigen könne. Denn eigentlich war er zurückgetreten, um bleiben zu können. Er gab das eine Amt auf, um das andere zu retten.

Und es hat funktioniert. Schnell war er wieder der populärste Politiker seines Landes, gewann die nächsten Wahlen mit Bravour. War wieder ein Abhängiger der Droge Politik, der immer schnelleren Schritts sein Land durcheilte. Nun endlich scheint er den Ausstieg zu schaffen. Das ist vorbildlich. Zumal er dieses Mal keine Rücksicht auf die Lage seiner Partei nimmt. Die SPD steht in einem schweren Wahlkampf, dessen härteste Wochen erst noch kommen. Dass in dieser Situation einer ihrer wenigen Sympathieträger aus dem Amt scheidet, ist ein weiterer Rückschlag.

Matthias Platzeck ist ein Ausnahmepolitiker, nicht nur wegen des besonderen Umgangs mit seinen Leiden. Er ist neben Angela Merkel der einzige regierende Ostdeutsche, der aus der Wendezeit heraus den ganzen Weg der vereinigten Bundesrepublik mitgestaltet hat. Der sogar, anders als die Kanzlerin, seine politischen Wurzeln in der Oppositionsbewegung der DDR hat.

Er gehörte zu dem Besten, das der untergegangene deutsche Staat dem anderen zu bieten hatte, und von dem der so wenig angenommen hat. Die Popularität Platzecks lag genau darin begründet. Er war, er ist eine glaubwürdige Identifikationsfigur für alle Ostdeutschen, die mit aufrechtem Gang ihre Zukunft in der gemeinsamen Bundesrepublik gesucht haben. Dazu zählte sein offener Umgang mit jenen aus der SED, die sich ebenfalls für diesen Weg entschieden haben. Das ist eine große Integrationsleistung, die auch durch manche Versäumnisse bei der Aufarbeitung des DDR-Erbes in Brandenburg nicht geschmälert wird.

Matthias Platzeck wird also fehlen in der deutschen Politik. Ein Mann mit Augenmaß, Anstand und Empathie. Aber nun auch einer, der neue Maßstäbe gesetzt hat in der Politikerwelt der harten Hunde. Der zeigt, dass man auch mal sagen darf, sagen muss: Ich kann nicht mehr.