Selbstverständlich hat jeder das Recht, seine Meinung zu äußern. Selbstverständlich haben wir Demonstrationsfreiheit in Deutschland. Selbstverständlich darf auch gegen die Politik des Staates Israel, ja sogar gegen den Staat Israel demonstriert werden. Die Bundeskanzlerin erklärte im März 2008 in der Knesset: „Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsraison meines Landes. Das heißt die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“

Auch wer sich darüber freut, dass die Kanzlerin das so klar sagte, wer jeden ihrer Sätze unterstreichen möchte, wird es begrüßen, in einem Land zu leben, in dem sich eine Öffentlichkeit artikulieren und bilden kann gegen die Position der Regierung, ja sogar gegen die von ihr erklärte Staatsräson. So wie die Sätze der Kanzlerin, sind auch solche Demonstrationen ein Grund zu Freude. Sie zeigen, dass nicht von oben nach unten durchregiert wird.

Im Prinzip. Sieht man sich einige der Demonstrationen an, ist die Freude mit einem Schlag weg. Ich habe nichts dagegen, dass Palästinenser oder auch nicht Palästinenser durch die Straßen ziehen und „Viva! Viva! Palästina!“ skandieren. Auch gegen „Allah Akbar“ habe ich nichts einzuwenden. Aber dann plötzlich nach arabischen Sprechchören und Rufen, die ich nicht verstehe, skandieren dieselben Männer in klarstem Deutsch: „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“. Berlin, 17. Juli 2014.

Die nächste Demonstration findet am Freitag statt

„Kämpf allein“ rufen Dutzende junger Männer unter PLO-Fahren. Das hätten sie gerne! Man ist der Kanzlerin dankbar für das, was sie in der Knesset sagte, und man ist wütend auf sich, dass man zu feige ist, sich diesen Kerlen in den Weg zu stellen.

Kommenden Freitag werden sie wieder demonstrieren. Da sollte man dabei sein und sich gegen sie stellen. Es ist wichtig, dass wir das tun. Dass es gerade auch die tun, die sich die Frage stellen, welches Israel ist gemeint, wenn davon die Rede ist, dass seine Sicherheit zur deutschen Staatsraison gehöre? Das Israel inklusive der besetzten Gebiete? Inklusive der Siedlungen der Siedler? Wo sind die Grenzen dieses Israels? Gilt die deutsche Staatsräson ganz gleich für welches Territorium?

Demonstrationen, das sagt der Name, zeigen etwas. Die Männer, die da ihren Antisemitismus hinausbrüllten, wollten uns zeigen, dass es sie gibt. Sie meinen es ernst. Und wir, wir sollten sie ernst nehmen. Wir dürfen uns nicht auf die Polizei verlassen. Nicht weil wir daran zweifeln, uns auf sie verlassen zu können, sondern weil es sich nicht gehört, ihr den Kampf gegen den Antisemitismus zu überlassen.

Es wäre gut, Bürger Berlins würden diesen brüllenden Antisemiten zeigen, dass sie keinen Juden allein bekommen werden. Wir sollten uns Freitag vor der Botschaft Israels, vor jüdischen Einrichtungen einfinden und uns vor sie stellen. Auch das wäre eine Demonstration. Es geht dabei nicht um eine Eskalation der Gewalt. Nichts von der Art wie es Anfang der 90er-Jahre üblich war, als die vermummte Antifa gegen die vermummten Faschos antrat. Es geht darum zu zeigen, dass es Menschen gibt, die entsetzt sind, über das, was hier passiert.

Die Veranstalter schritten nicht ein

Noch ein Wort zu den antiisraelischen Demonstrationen. Man mag die Wut und den Hass verstehen können, mit denen Palästinenser auf Israel schauen. Wenn einem das Haus zerbombt, Familie und Freunde umgebracht werden, ist es geradezu übermenschlich, diese Gefühle nicht zu entwickeln. Niemand wird das besser begreifen als Israelis, deren Häuser von Kassam-Raketen zerstört und deren Familie und Freunde umgebracht werden. Aber wir wissen auch, dass Wut und Hass zerstörerische Gefühle sind. Sie machen zu allererst einen selbst kaputt.

Dennoch wird Wut und Hass zu schüren immer wieder als integraler Bestandteil politische Arbeit betrachtet. Die Veranstalter der antiisraelischen Demonstrationen der vergangenen Tage jedenfalls haben das getan. Sonst wären sie eingeschritten und hätten die antisemitischen Sprechchöre zum Verstummen gebracht. Wer das nicht tut, der schadet seinem Kampf. Er schadet ihm, weil er sich blind macht für das, worum es wirklich geht. Nicht um Rache, nicht einmal um Respekt, sondern um eine Lösung.

Vielleicht gibt es im Nahen Osten derzeit keine Lösung. Aber ganz sicher führt das Schüren des Antisemitismus – ganz gleich wo auf der Welt – niemanden auch nur einen Schritt näher an sie heran. Die Deutschen brauchten lange, um das zu kapieren. Einige sind womöglich immer noch nicht so weit.