Die Berliner Runde an Wahlabenden gehört zu den merkwürdigsten Traditionen des deutschen Fernsehens. Nach Schließung der Urnen treffen sich dort fünf Generalsekretäre, um so zu tun, als sei der Wahlkampf in eine halbstündige Verlängerung gegangen. Vor zehn Tagen war es besonders kurios: Da hatte die populistische AfD erstmals den Einzug in einen Landtag geschafft. Die Gemüter erhitzten sich aber über Rot-Rot-Grün, das in Sachsen nicht einmal rechnerisch möglich ist.

Man braucht wenig Fantasie, um zu erahnen, welche Dynamik die Debatte am Sonntag erfahren wird. Immerhin könnte die Landtagswahl in Thüringen den Weg für die erste Koalition von Linkspartei, SPD und Grünen ebnen. Am Horizont scheint damit eine neue Option auch für den Bund 2017 auf: ein frisches Farbenspiel für die Medien, ein willkommenes Schreckgespenst für die Union, die von ihrem AfD-Problem ablenken möchte, und eine schöne Projektionsfläche für alle, die der großen Koalition überdrüssig sind.

Doch als Wetterleuchten einer neuen Zeit taugen die Hochrechnungen am Wahlabend aus vielerlei Gründen nicht. Zum einen ist gar nicht klar, ob es in Thüringen – eine rechnerische Mehrheit vorausgesetzt – wirklich zu einer rot-rot-grünen Ehe käme. Zwar setzt der Spitzenkandidat der Linkspartei, Bodo Ramelow, alles daran. Doch in der SPD, zu der auch ehemalige DDR-Bürgerrechtler gehören, ist die Stimmung gespalten. Nicht wenige fürchten, dass die ohnehin schwindsüchtige Partei als Juniorpartner des gefühlt sozialdemokratischen Linken-Realos Ramelow endgültig zerrieben wird. Es wird ein paar Wochen dauern, bis klar ist, ob die Sozialdemokraten dieses Wagnis eingehen.

Talkshow-Tsunami absehbar

Und dann? Welche Auswirkungen hätte es auf den Bund, wenn Ramelow tatsächlich zum Ministerpräsidenten gekürt würde? Die nüchterne Antwort lautet: Keine. Oder jedenfalls geringere, als es der absehbare Talkshow-Tsunami nahelegen wird. Die Wahl eines Mitglieds der Linkspartei zum Regierungschef eines Ost-Landes wäre 25 Jahre nach der Vereinigung schlichtweg ein Stück bundesdeutsche Normalität. Möglicherweise würde sie im innerparteilichen Richtungskampf der Linkspartei die Realos stärken, die sich nicht mit reiner Opposition zufriedengeben. Aber das wär’s dann auch.

Vorbote einer neuen Farbkonstellation bei der Bundestagswahl 2017 wäre Rot-Rot-Grün in Thüringen nicht. Im Gegenteil: Eine solche Koalition auf Bundesebene ist so unwahrscheinlich wie lange nicht. Das liegt offensichtlich an der Außenpolitik. Mit dem entschiedenen Eintreten von SPD-Chef Sigmar Gabriel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier für Waffenlieferungen an die Kurden wäre eine rot-rot-grüne Regierung schon am Ende gewesen. Beinahe noch krasser sind sie Gegensätze in der Ukraine-Politik, wo sich Linke und Grüne regelrecht anfeinden.

Doch auch in der Innenpolitik haben sich die Parteien auseinander entwickelt. Von einem gemeinsamen Projekt redet niemand mehr. Zwar existieren noch Gesprächskontakte. Aber ernsthafte programmatische Vorarbeiten für ein Bündnis gibt es nicht. In der Linkspartei melden sich immer lautstärker der Wagenknecht-Flügel und radikale westdeutsche Stimmen zu Wort, die eine Aversion gegenüber der SPD demonstrieren. Die Grünen koalieren inzwischen in Hessen mit der CDU und besitzen damit für den Bund zumindest eine weitere Option, die ihnen das Regieren in einer Zweier- statt in einer risikoreichen Dreierkonstellation ermöglichen könnte.

SPD stärkt Wirtschaftskompetenz

Derweil zieht die SPD ihre Lehren aus ihrem schlechten Wahlergebnis. Nun soll die Wirtschaftskompetenz gestärkt werden. Von der Bürgerversicherung redet schon länger niemand mehr. Leise ist auch die Forderung nach der Vermögensteuer entsorgt worden. Stattdessen will Sigmar Gabriel die kalte Progression bei der Einkommensteuer abbauen. Im nächsten Wahlkampf, da ist der Parteichef fest entschlossen, sollen keine Mehrbelastungen verkündet werden. Zu einem Linksbündnis passt das kaum – abgesehen davon, dass der Wirtschaftsminister sich als möglicher Kanzlerkandidat enorm verbiegen müsste, wenn er zur rot-roten Lichtgestalt mutieren wollte, von den denkbaren Alternativen Frank-Walter Steinmeier und Olaf Scholz ganz zu schweigen.

Nein, die rot-rot-grüne Machtoption hat im Bund keine Konjunktur. Daran würde auch eine Regierung Ramelow nichts ändern. Zu klein ist Thüringen, zu speziell und unbedeutend ist die dortige 16-Prozent-SPD. Und zu unterschiedlich sind die politischen Herausforderungen. Das mindert nicht die Bedeutung dieser Landtagswahl. Aber man sollte sich hüten, sie als Blaupause oder als Horrorszenario zu deuten.