Eine unerwartete Wendung der Weltpolitik hat dazu geführt, dass Wladimir Putin als Friedensfürst dasteht. Moskau hat amerikanische Militärschläge gegen Damaskus abgewendet, vorerst jedenfalls, und er hat erreicht, dass Syriens Regierung ihre Giftgasbestände abgeben will. Das hat selbst Putins Kritikern Lob entlockt. Und in der New York Times schlug der Kremlherrscher plötzlich fromme Töne an, sprach von Gottes Segen und davon, dass er den Papst auf seiner Seite wisse. Die Öffentlichkeit reibt sich verwundert die Augen. Ist das derselbe Präsident, der Waffen an das Assad-Regime liefert und alles getan hat, um einen brutalen Diktator zu schützen? Und wenn es derselbe ist, wie kann man ihm trauen? Meint der das ernst?

Die Antwort ist: Manches meint er ernst, manches ist dreist gelogen, und es ist für die westliche Öffentlichkeit und ihre Regierungen wichtig, Aufrichtiges und Gelogenes voneinander zu trennen. Es ist nicht alles falsch, nur weil Putin es sagt.

Aufrichtig gemeint ist Putins Behauptung, dass Russland mit seiner Syrien-Politik nicht das Assad-Regime schützen will, sondern das Völkerrecht. Jeder Politiker, der mit dem Kreml verhandelt, sollte diese Aussage ernst nehmen, auch wenn es schwerfällt – schließlich ist Russland mit dem Assad-Regime freundschaftlich verbunden, Syrien ist ein treuer Waffenkäufer und gewährt einen Flottenstützpunkt. So etwas gibt man nicht einfach auf.

Aber Interessen spielen eine geringe Rolle, verglichen mit dem Prinzip, das Russland verteidigt – das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten. Im Kreml ist man entsetzt über die Leichtigkeit, mit der im Westen militärische Interventionen am UN-Sicherheitsrat vorbei beschlossen wurden, zuletzt in Mali. Wenn Putin Völkerrecht sagt, dann meint er eben dies – die zwingende Notwendigkeit eines Votums im Sicherheitsrat, in dem Russland als Vetomacht sitzt. Sicher, die Europäer meinen mit Völkerrecht mehr, sie denken etwa an die Einschaltung des Internationalen Strafgerichtshofs. Das schränkt Putins Bekenntnis zum Völkerrecht ein, aber es macht sie noch lange nicht zur Lüge.

Wenn das Völkerrecht nicht gewahrt werde, „versinkt die internationale Politik im Chaos“, schrieb Putin in der New York Times. Auch das ist aufrichtig gemeint. Moskau sieht in der arabischen Welt unter der Einwirkung des Westens keine neue Ordnung entstehen, noch nicht mal eine pro-westliche, sondern bloß neue Unordnung. Und schließlich ist es aufrichtig gemeint, wenn Putin in den Rebellen Terroristen sieht und keine Freiheitskämpfer. Sicher, für Russlands Syrienpolitik macht das kaum einen Unterschied. Der Kreml würde Assad selbst dann gewährenlassen, wenn der mit Gewalt gegen Mahatma Gandhi höchstpersönlich vorginge. Man duldet ja auch in Moskau keinen friedlichen Widerstand. Und dennoch ist die Angst vor bewaffneten Islamisten echt und verständlich. Man bekämpft sie schließlich auch im eigenen Land.

Und die Lügen? Die Rebellen, so behaupteten Putin und sein Außenminister Sergej Lawrow, stünden selbst hinter dem Giftgasanschlag von Guta – alles weise darauf hin. Das ist die dreisteste Lüge des Kreml. Sicher, niemand kann gerichtsfest beweisen, wer die Raketen mit Sarin auf die Vorstädte von Damaskus gefeuert hat. Aber dass es solche Raketen gab, das steht nach dem Bericht der UN-Inspektoren außer Frage, und beides weist auf das Militär als Urheber hin.

Der Kreml behauptet das Gegenteil. Woher nimmt er diese Sicherheit? Die Belege, die Außenminister Lawrow genannt hat, sind fragwürdig. Er verwies auf Augenzeugenberichte einer Nonne aus einem „nahe gelegenen Kloster“ – das aber in Wahrheit 100 Kilometer nördlich von Damaskus liegt. Und er verwies auf den Offenen Brief ehemaliger US-Geheimdienstmitarbeiter an US-Präsident Barack Obama. Die aber behaupten in ihrem Brief, es gebe gar keinen Hinweis auf den Einsatz von Raketen in Damaskus. Die UN-Beobachter sehen das anders.

Natürlich weiß der Kreml es besser. Russland hat viel zu gute Kontakte nach Syrien, um sich nicht ein zuverlässiges Bild der Vorfälle machen zu können. Dennoch hat Moskaus Führung sich entschlossen, eine unplausible These, nämlich die von der Urheberschaft der Rebellen, als eindeutig belegt darzustellen. Es geht ihr nicht um die Wahrheit. Es geht ihr einzig darum, in einem globalen Informationskrieg einen kurzfristigen Geländegewinn zu erzielen und so lange wie möglich zu halten. Es ist eine Irreführung der Weltöffentlichkeit, um die gefürchtete Interventionslust des Westens zu dämpfen; aber sie wird auf den Urheber zurückfallen, so päpstlich er sich gerade gibt.