Katja Tichomirowa - Zugegeben, die Bildungsstudien sind zahlreich, seit der Pisa-Schock das Land erschütterte, manche sagen, inflationär. Der empirischen Bildungsforschung jedenfalls hat das maue Ergebnis deutscher Schüler im internationalen Vergleich unerhörten Aufschwung beschert. Allein der Erkenntnisgewinn der vergangenen Woche war gewaltig: Wir wissen jetzt, dass deutsche Eltern nicht schlauer sind als ihre Kinder und dass ostdeutsche Schüler im Vergleich mit ihren westdeutschen Altersgenossen über einen Wissensvorsprung in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern verfügen, der bis zu drei Schuljahren ausmachen kann.

Neben dem besonderen Reiz, den Bestenlisten seit jeher auf die wettbewerbs- und erfolgsverliebten Deutschen ausüben, halten sie allerdings auch politisch verwertbare Einsichten bereit. Die Schulvergleichsstudie des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen etwa förderte in der vergangenen Wochen eine überraschende, neue Rangfolge der leistungsfähigsten Bundesländer in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie und Biologie zutage. Klassenprimus ist nun nicht mehr Bayern, wie noch in der Vergleichsstudie 2011, sondern Sachsen.

Hinter dieser Nachricht, die nur eine marginale Verschiebung in der Rangfolge transportiert, verbirgt sich indes noch eine weitere, viel interessantere: Masse und Klasse sind offenbar durchaus in Einklang zu bringen. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen besuchen deutlich mehr Schüler das Gymnasium als in Bayern. Im Freistaat Bayern legt man dagegen Wert darauf, die Auswahl der Gymnasiasten möglichst klein zu halten. Nur die Jahrgangsbesten sollten dieses Privileg genießen, denn man geht davon aus, dass das allgemeine Leistungsniveau sinkt, wenn die Gymnasien zu viele Schüler aufnehmen. Während in Bayern also nur rund 30 Prozent eines Jahrgangs das Gymnasium besuchen, sind es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen 40 Prozent. Die IQB-Studie belegt nun, dass die großzügigere Auswahl der Schüler das Leistungsniveau der ostdeutschen Gymnasien nicht beeinträchtigt, im Gegenteil. Die Autoren des Ländervergleichs finden dieses Ergebnis „bemerkenswert“.

Das ist es in der Tat. Warum sollte, was in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gelingt, in Bayern oder Baden-Württemberg nicht möglich sein? Warum müssen Eltern in Hessen, die einen guten Unterricht wollen, ihre Kinder über die Landesgrenze nach Thüringen in die Schule schicken? Und wie viel Potenzial schlummert womöglich in den westdeutschen Stadtstaaten und Bundesländern, die seit Jahren die unteren Ränge der Bildungsranglisten belegen?

Sollen die Erkenntnisse, die aus Vergleichen und Ranglisten gewonnen werden, einen bildungspolitischen Mehrwert erbringen, müssen sie zunächst einmal anerkannt werden. Und schließlich muss ein verbindlicher Rahmen geschaffen werden, der die Bundesländer zwingt, sie auch umzusetzen. Das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen IQB hat schließlich keinen anderen Auftrag als den, nationale Bildungsstandards zu entwickeln. Und der Auftraggeber ist die Kultusministerkonferenz der Länder.

Mehr Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem fordert etwa die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In kaum einem anderen Industrieland ist der Bildungserfolg abhängiger von der sozialen Herkunft als in Deutschland. Gleichzeitig braucht das Land mehr gut ausgebildete Fachkräfte und Hochschulabsolventen, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können. Hier treffen sich Erkenntnisse, die im internationalen Vergleich gewonnen werden, mit den Ergebnissen zahlreicher nationaler Bildungsstudien.

Die Autoren der Schulvergleichsstudie des IQB waren überaus zurückhaltend bei der Beantwortung der Frage, was die ostdeutschen Schulen denn nun vor den westdeutschen auszeichnet und warum sie ihren Schülern offenbar mehr beibringen können. Eines aber können sie immerhin belegen: Mehr Schüler an Gymnasien und ein längeres gemeinsames Lernen im zweigliedrigen ostdeutschen Schulsystem steht einem überdurchschnittlichen Bildungserfolg nicht im Weg.

Wenn es gelänge, diese Erkenntnis bundesweit umzusetzen und das Konzept eines längeren gemeinsamen Lernens auch mit Finanzhilfen des Bundes zu flankieren, wäre viel gewonnen. Eine Große Koalition, noch dazu eine, die mehr als Dreiviertel der Abgeordneten auf sich vereinigt, könnte die Voraussetzungen dafür schaffen. Eine Rücknahme des Kooperationsverbots im Bildungsbereich gehört auf die Agenda der Koalitionsverhandlungen.