Der Harvard-Gelehrte Graham Allison bemühte dieser Tage ein Beispiel aus der Antike, um das Verhältnis zwischen den USA und China zu charakterisieren. In seiner Geschichte des Peloponnesischen Kriegs schreibt Thukydides, dass der Krieg zwischen Athen und Sparta unausweichlich ausbrechen musste, weil Athens Aufstieg in Sparta Furcht auslöste.

Seither werden derartige Konstellationen Thukydides-Falle genannt. Heute scheint die geopolitische Lage ähnlich zu sein wie vor bald 2500 Jahren: Die Supermacht USA muss einen Weg finden, sich mit der Fast-Supermacht China zu arrangieren. Andersherum gilt das genauso. Es war also naheliegend, dass Allison die Frage stellte: „Können die USA und China der Falle entgehen?“

Nach dem Treffen von US-Präsident Barack Obama mit dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping am Wochenende in Kalifornien gibt es darauf zwar keine Antwort, doch immerhin lässt sich sagen: Vorerst ist die Falle nicht zugeschnappt. Obama und Xi scheinen ein gewisses Vertrauensverhältnis zueinander aufgebaut zu haben, damit genau das nicht geschieht. Natürlich haben Obama und Xi während ihrer Gespräche in einem mondänen Anwesen an der US-Westküste kein einziges der Probleme gelöst, die China und die USA miteinander haben.

Der Unmut der Amerikaner über Cyberattacken aus China ist nicht beseitigt, auch wenn die Einrichtung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe zu diesem Thema beschlossen wurde und erstmals Einigkeit darüber besteht, dass internationales Recht auch im Internet zu gelten hat. Die Sorge der USA, dass China im Zweifel ein atomar bewaffnetes Nordkorea akzeptieren könnte, besteht weiter. Ebenso die Angst Amerikas, in ein paar Jahren von China als größte Volkswirtschaft der Welt abgelöst zu werden, ohne dagegen etwas ausrichten zu können. Die Hausbank Washingtons trägt ohnehin bereits einen chinesischen Namen.

Der chinesischen Seite dürfte es ähnlich gehen. Pekings Bedenken wegen der zunehmenden Ausrichtung der US-Außenpolitik auf den pazifischen Raum und der damit verbundenen wachsenden militärischen Präsenz der USA in Asien sind nach dem Treffen in Südkalifornien nicht weniger geworden. Jedes einzelne US-Kriegsschiff aber behindert China darin, seine Machtinteressen in Ost- und Südostasien unbeschwert durchsetzen zu können.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die USA und China die wichtigsten Staaten auf der Welt sind. Der UN-Sicherheitsrat, ein dringend der Reparatur bedürftiges Gremium, ist gelähmt, wie sich an seiner Unfähigkeit zeigt, ein politisches Signal in den syrischen Bürgerkrieg zu senden. Und es mag auch dem einen oder anderen Regierungschef der G 8-Staaten, die sich in ein paar Tagen in Nordirland zu ihrer Jahreshauptversammlung treffen, nicht gefallen, Mitglied einer unbedeutenden Runde zu sein.

Aber die Stunden, die Obama und Xi miteinander in Rancho Mirage verbracht haben, waren eindeutig das wichtigste geopolitische Treffen dieses Jahres. Die G 8-Gruppe, ein um Russland erweitertes Relikt des Kalten Krieges, ist obsolet geworden. Die Entscheidungen, die die kommenden zehn Jahre und vielleicht sogar das 21. Jahrhundert positiv prägen können, fallen nur dann, wenn sich Washington und Peking verständigen. Nur in diesem Dialog-Format wird sich aber auch entscheiden, wie schlimm es werden wird.

Die USA und China sind einander weder Feind noch Freund. Und wirtschaftlich sind Washington und Peking mittlerweile ohnehin auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet, was den Umgang miteinander nicht erleichtert. Insofern war der Ton bemerkenswert, in dem Obama und Xi am Wochenende miteinander verkehrten.

Beide Präsidenten erklärten, es solle ein neues Modell der Zusammenarbeit erarbeitet werden. Das klingt abgehoben und ein wenig auch nach dem inzwischen berüchtigten Reset-Knopf, den Obama in den Beziehungen zu Russland zu drücken beabsichtigt, ohne dass es bislang gelungen wäre. Doch angesichts der schlechten Stimmung, die in den letzten Jahren zwischen Washington und Peking herrschte, ist das ein enormer Fortschritt.

Nun wird sich zeigen müssen, ob Obama und Xi fähig sind, praktische Politik folgen zu lassen. Ob das dem chinesischen Staats- und Parteichef, der möglicherweise zehn Jahre lang an der Spitze Chinas stehen wird, gelingt, ist unklar. Im Falle des von innenpolitischen Skandalen geplagten US-Präsidenten gilt das allerdings auch. Obama hat – vor allem in der Außenpolitik – schon sehr viel versprochen. Die Ergebnisse waren eher dürftig. Und das ist noch eine sehr freundliche Formulierung.