Es war der letzte große Moment transatlantischer Freundschaft. Am Abend des 11. September 2001, wenige Stunden nach den Terroranschlägen auf New York und Washington, trat Bundeskanzler Gerhard Schröder vor die Kameras und erklärte Deutschlands uneingeschränkte Solidarität mit den USA. Gemeinsam, so schien es, setzte sich die westliche Welt gegen die Bedrohung ihrer Werte zur Wehr. Das Bündnis zwischen Amerikanern und Europäern würde neu geschmiedet.

Welch ein Irrtum! Tatsächlich nahmen am 11. September 2001 genau die Entwicklungen ihren Anfang, die Europäer und Amerikaner einander mehr denn je entfremden sollten. In ihrer Entschlossenheit, die Schuldigen zu bestrafen und weitere Anschläge zu verhindern, schlugen die USA einen gefährlichen Weg ein. An der NSA-Affäre, die vorerst in den Enthüllungen um Kanzlerin Merkels Handy gipfelt, wird deutlich, welch Strecke sie auf diesem Weg schon zurückgelegt haben. Dabei darf man wählen, was einem schlimmer vorkommt: ein US-Präsident, der die Belauschung seiner internationalen Gesprächspartner billigt, oder ein Staat im Staate, der so etwas auf eigene Faust betreibt.

Der 11. September hatte zwei Konsequenzen, die in ihrem Zusammenspiel Amerikas Verhältnis zur Welt fundamental veränderten. Zum einen setzte die US-Regierung nahezu unbegrenzte Ressourcen in alles, was zur Terrorbekämpfung dienen konnte. Zum anderen brauchte Washington kaum Protest aus der eigenen Bevölkerung zu befürchten, wenn es angebliche Feinde (und im zweiten Schritt auch die vermeintlichen Freunde) ruppiger behandelte als es Amerikaner für ihresgleichen akzeptiert hätten. Beides begann unter Präsident George W. Bush. Er ließ Guantanamo bauen, ein Lager, das ausdrücklich zu dem Zweck entstand, nicht-amerikanische Verdächtige aller Rechte zu berauben. Unter ihm begann der US-Geheimdienst auch mit dem Einsatz von Drohnen gegen mutmaßliche Terroristen. Bush gab den Geheimdiensten ungeahnte Befugnisse und verdoppelte ihr ohnehin schon riesiges Budget.

Kluft zwischen USA und Europa

Zwischen Amerika und Europa tat sich eine Kluft auf. Diesseits des Atlantiks war Bush verhasst; umso begeisterter jubelten die Europäer seinem Nachfolger Barack Obama zu. Spätestens aber mit der NSA-Affäre wird deutlich, dass Obama zwar vor Kriegen zurückscheut, ansonsten aber dort weitermacht, wo sein Vorgänger aufgehört hat. Trotz aller politischen und völkerrechtlichen Bedenken verstärkte Obama die Drohneneinsätze und ließ die Abhöraktionen vorantreiben. Dass gerade dieser gebildete und eloquente Mann in Wahrheit kontrollverliebt und skrupellos ist, merkten die Europäer erst allmählich. Spätestens jetzt aber muss jedem klar sein, dass die von Bush begonnene Politik kein Aussetzer war, sondern in den USA von einem breiten Konsens getragen wird.

Die meisten Amerikaner sehen kein Problem darin, dass ihre Regierung Ausländern Rechte abspricht, die für die eigenen Bürger selbstverständlich gelten. Umfragen zeigen, dass 60 Prozent der Amerikaner den Drohnenkrieg für richtig halten. Nur wenn US-Staatsbürger getroffen werden sollen, sehen sie es anders. Eine Mehrheit ist dann sogar gegen gezielte Tötungen von Islamisten mit arabischem Namen – sobald sie Inhaber eines US-Passes sind.

Auch die Überwachungspraxis der US-Geheimdienste stört die meisten Amerikaner erst, wenn sie sich gegen sie selbst richtet. Solcher Egoismus mag verständlich erscheinen. Doch eine Regierung, die ihre Politik darauf abstellt, dass die eigenen Wähler nichts übelnehmen, was man im Ausland macht, ist kurzsichtig. Ihren Feinden liefert sie damit den ständigen Beweis von Doppelmoral. Vor allem aber verstimmt man die Bürger befreundeter Staaten, wenn man sie als Inhaber minderer Rechte behandelt.

Kein Spiel unter Gleichen

Natürlich stimmt es, dass auch europäische Regierungen in befreundeten Ländern spionieren. Und genauso ist es richtig, dass die Europäer seit jeher wissen, dass die US-Geheimdienste in Europa aktiv sind. Aber die ungeheure finanzielle und technologische Überlegenheit der amerikanischen Dienste macht dies zu allem anderen als einem Spiel unter Gleichen. Wer Millionen und Abermillionen von Gesprächen in Europa abhört, angefangen mit der Bundeskanzlerin, sollte sich über die Breite der Empörung nicht wundern.

Mehr noch als der Drohnenkrieg ist die NSA-Affäre Gift für die transatlantischen Beziehungen – ein starkes, lange wirkendes Gift, das das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der inneren Verbundenheit zerstört.