In diesen Tagen erhalten Zehntausende junger Menschen ihre Abiturzeugnisse. Viele hoffen nun darauf, einen begehrten Studienplatz zu ergattern. Es ist seit jeher so, dass Abiturnoten einem Leben eine bestimmte Richtung geben können. Und doch sind sie nicht wirklich vergleichbar. Die Bundesländer verwenden verschiedene Bewertungsmodelle, um auf den jeweiligen Abiturnotenschnitt zu kommen. So passiert es, dass der Anteil der Abiturienten, die einen Notenschnitt von 1,0 bis 1,9 haben, in Thüringen stolze 37,8 Prozent beträgt. In Niedersachsen sind es nur 15,6 Prozent.

Natürlich sind die niedersächsischen Schüler nicht dümmer. Es wird nur anders gerechnet. Ein anderes Beispiel: In Berlin müssen aus den Halbjahreszeugnissen der Oberstufe nur 32 Noten zur Berechnung der Abiturnoten eingebracht werden, bis zu zwölf schlechte Noten können einfach gestrichen werden. In Sachsen oder Sachsen-Anhalt müssen hingegen Noten aus 44 Kursen einbezogen werden.

Angesichts dieser Befunde erscheint es zunächst unglaublich, dass mehrere Bundesländer ein gemeinsames Zentralabitur durchführen und nun sogar ein zentraler Aufgabenpool eingerichtet wird, aus dem sich Bundesländer bedienen können. Für diese offenkundige Ungleichheit in der Abitur-Benotung ist zu einem Teil der viel gescholtene Bildungsföderalismus verantwortlich, wo jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht und nicht selten am Benotungsrädchen gedreht wird, um im Ländervergleich ein bisschen besser dazustehen.

Gemeinsame Abituraufgaben der Bundesländer

Doch durch die unterschiedlichen Regelungen dürfen Oberstufenschüler nicht in ihrer Freizügigkeit gehindert werden. Ein Wechsel von einem Bundesland in ein anderes sollte auch in Jahrgangsstufe 12 noch möglich sein. Am einheitlichen Prinzip von Leistungs- und Grundkursen, vom dem sich beispielsweise Brandenburg weitgehend verabschiedet hat, sollte festgehalten werden. An den Sekundarschulen sollten die Lehrer zudem sorgfältig abwägen, ob sie einen Zehntklässler in die gymnasiale Oberstufe übertreten lassen, oder ob das Risiko, dort zu scheitern, nicht doch zu groß ist.

Mehrere Bundesländer verwenden jetzt schon gemeinsame Abituraufgaben für Mathematik, Deutsch und Englisch. 2017 werden in allen Bundesländern (bis auf Hessen und Rheinland-Pfalz) am gleichen Tag die Mathe-Prüfungen abgenommen. Das könnte tatsächlich dazu führen, dass die Standards sich angleichen.

Bei all dem sollte die Vergleichbarkeitsdebatte aber nicht dazu führen, dass die politische Devise ausgegeben wird, die derzeitige Abiturientenquote wieder abzusenken, also das Abitur elitärer zu machen. Denn das würde vor allem der Bildungskarriere von Schülern aus Nichtakademikerfamilien schaden. Zudem hat Deutschland eine viel geringere Abiturientenquote als Finnland, Schweden und die Niederlande und liegt deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Allerdings ist der Wert der weltweit anerkannten dualen Ausbildung in Deutschland nicht zu unterschätzen. Für eine belastbare Vergleichbarkeit beim Abitur kann letztlich nicht einmal ein zentralistisch organisierter Staat sorgen. Schließlich gibt es selbst innerhalb eines Bundeslandes große Unterschiede zwischen den Schulen, wie ein Blick nach Berlin zeigt. Den besten Abitur-Durchschnitt machte zuletzt die Evangelische Schule im feinen Frohnau (1,7), am anderen Ende der Skala lag eine Sekundarschule in Wedding (2,9), wo viele Schüler als erste aus ihrer Familie überhaupt die Hochschulreife erreicht haben.

Wie ein Navi im Auto

Schon jetzt attestiert ein Abiturzeugnis ja nicht mehr zwingend die Hochschulreife eines Schulabsolventen. Einige Universitäten haben für bestimmte Studienfächer bereits eigene Eingangsprüfungen, auch nötigen immer mehr Hochschulen den Studienbeginnern zunächst studienvorbereitende Kurse auf. Gleichzeitig wird auch für viele Ausbildungsberufe inzwischen Abitur verlangt. Nicht nur, weil dort oft sehr anspruchsvolle Tätigkeiten erlernt werden, sondern auch weil viele Arbeitnehmer Volljährige mit Abitur flexibler einsetzen können, zum Beispiel im Schichtdienst.

Und doch steht die Bedeutung des Abiturs nicht zur Disposition. Zwar mutet der Begriff Reifezeugnis heute antiquiert an. Doch immer noch sollte das Abiturzeugnis einem Jugendlichen die persönliche Reife attestieren, ein selbstbestimmtes Leben in Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für die Gesellschaft führen zu können. Der Inhaber eines Abiturzeugnisses sollte die nötige Bildung erhalten haben, um sich in der Wissensgesellschaft komplexe Themen stets aufs neue erschließen zu können. Das Abi wirkt dann gewissermaßen wie ein Navi im Auto.