Berlin - Wenn man nur alle paar Wochen die Großbaustelle des Berliner Schlosses gegenüber dem Lustgarten passiert, erschrickt man jedes Mal ein bisschen. So wuchtig ist das Gebäude, dass man alle bisherigen Vorstellungen über den Haufen werfen muss. Vielleicht liegt das an der jahrelangen Debatte, die wohl nie ganz die Soundspur eines alten Heintje-Schlagers verlassen hat: Ich bau’ Dir ein Schloss, so wie im Märchen. Was nun in der Mitte Berlins entsteht, mutet jedoch ganz und gar nicht märchenhaft an. Das ist kein Grund zur Nörgelei. In der langen Planungs- und Entstehungsgeschichte haben sich fast alle getäuscht, die aktiv oder auch nur gedanklich beteiligt waren.#

Und so ist anlässlich des Richtfests auf Berlins ambitioniertester Baustelle von mindestens drei Missverständnissen zu sprechen, die den Schlossbau begleitet haben. Das erste betrifft die Vorstellung, dass eine historische Stadtwunde, die letztlich auch der Palast der Republik zu DDR-Zeiten darstellte, ganz einfach zu schließen sei. Der unwirtlich emporschießende Rohbau verrät ja, dass hier etwas ganz Neues entsteht. Vom Wiederaufbau eines Schlosses kann gar nicht die Rede sein, weder in architektonischer noch ideengeschichtlicher Hinsicht.

Das zweite Missverständnis betrifft die linksbürgerliche Sorge, dass hier der vermeintliche Glanz preußischer Herrlichkeit restauriert werden könne. In den Jahren, in denen die Schlossidee gereift ist, hat zwar so etwas wie eine Revision einstiger preußischer Größe stattgefunden. Aber wenn man die jüngeren Biografien über Friedrich den Großen oder die souveräne Gesamtdarstellung des britisch-australischen Historikers Christopher Clark betrachtet, dann sieht man zugleich eine Entzauberung der preußischen Machtvorstellungen sowie eine aufgeklärte Würdigung des Hohenzollernhauses, aus dem ein moderner Staat hervorgegangen ist. Eine unkritische Wiederkehr der Preußenzeit ist absolut nicht drin.

Es braucht geschickteres Stadtmarketing

Ein noch junges Missverständnis betrifft die Rolle, die Berlin bei der Gestaltung des Schlosses spielen will und kann. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller ist unlängst mit dem Vorschlag vorgeprescht, dass der Berliner Beitrag zum Humboldt-Forum eine Ausstellung zur Stadtgeschichte sein soll. Das geschichtspolitisch äußerst anspruchsvolle Vorhaben, die Geschichte der Weltkulturen mit all ihren Widersprüchen abzubilden, könnte also durch ein gefälliges Stück Stadtmarketing flankiert werden. Urbi et orbi im Berliner Schloss. Müllers unausgegorener Einfall lässt vermuten, dass nach dem feierlichen Richtfest wohl noch über so manches zu sprechen sein wird.

Und doch ist die in Wellen immer wieder neu aufschäumende Schloss-Debatte nicht zuletzt Ausdruck einer beachtlichen Lernfähigkeit. Dass ausgerechnet in Berlin ein aufgeklärter Umgang mit dem kulturellen Erbe der Welt präsentiert werden soll, konnte angesichts der deutschen Gewaltgeschichte im 20. Jahrhundert allzu leicht als Anmaßung missverstanden werden. Und ein bisschen ist es das wohl auch noch immer.

Längst aber kristallisiert sich die Idee heraus, dass durch das Humboldt-Forum auch ein ganz neues Bewusstsein von den Kulturleistungen indigener Völker, der eigenen kolonialistischen Vergangenheit und historischer Verantwortung angeregt werden könnte. Mehr denn je wird es im Humboldt-Forum darauf ankommen, die schönen Artefakte aus aller Herren Ländern nicht nur zu zeigen, sondern auch über deren Herkunfts- und Bedeutungsgeschichte Auskunft zu geben. Das Humboldt-Forum könnte so als eine Art Haus der Weltvernunft reüssieren, das den traditionellen Sammlungsgedanken als nationale Triumph- und Leistungsschau weit hinter sich lässt.

Zwischen intellektuellem Anspruch und Publikumsorientierung

Die immer wieder bemängelte konzeptionelle Dürftigkeit des entstehenden Ortes aller möglichen Welten könnte sich noch als Vorzug erweisen. Kulturelle Räume, die über einen langen Zeitraum entstehen, erlangen erst durch Missverständnisse und Widersprüche ihre spätere Reife. Und so darf man gespannt sein, wie unter dem Gründungsintendanten Neil MacGregor intellektuelle Reibung und eine publikumsorientierte Präsentation zueinander finden werden.

Denn ob das Schloss und seine Umgebung zum geistigen Zentrum der Republik werden wird, hängt von der öffentlichen Akzeptanz ab. Und das nicht nur in einem touristischen Sinn. Die Idee von einem Ort, an dem die Welt zu sich kommen kann, fällt in eine Zeit dramatischer Flucht- und Migrationsbewegungen, für die geistige Nahrung eher ein nachrangiges Problem ist. Die Offenheit eines Landes erkennt man am Ende nicht nur an den Öffnungszeiten des Hauses in der Mitte seiner Hauptstadt.