Vor vier Jahren, im März 2011, brach in Syrien ein Aufstand gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad aus, der sich zuerst langsam, dann aber mit Wucht und von äußeren Mächten befördert zu einem verheerenden Bürgerkrieg entwickelte. Über diesen Bürgerkrieg wurde anfangs ausführlich und sogar begeistert berichtet, denn der Sturz Assads schien nur eine Frage von Wochen. Doch Assad ist noch immer an der Macht, der Bürgerkrieg wütet vor sich hin und fordert täglich neue Opfer.

Mit der Zeit und vor allem in den letzten Monaten ist dieser Konflikt in einem schwarzen Loch verschwunden. Das Drama in und um Syrien reduziert sich bei uns auf Nachrichten über den Kampf gegen den Islamischen Staat (IS), ausländische Terror-Touristen und Möchtegern-IS-Bräute, die von ihrem netten Zuhause in Birmingham, Halle oder Marseille an die wilde nahöstliche Front eilen. Es brauchte dieses vierten Jahrestages, damit das syrische Elend wieder Schlagzeilen macht und zudem ins Bewusstsein gerufen wird, dass der IS nur eine Facette der nahöstlichen Verwerfungen ist.

97 Prozent der Beleuchtung erloschen

Mit dürren und nackten Zahlen lässt sich kaum wiedergeben, was sich rund 4000 Kilometer von unserer Haustür entfernt abspielt: Über 220000 Menschen sollen dem Krieg bereits zum Opfer gefallen sein. Zwölf Millionen Syrer sind auf der Flucht, sie retteten sich in Nachbarländer oder irren im Land umher.

Felder werden nicht bestellt, das Vieh verwildert. Etwa die Hälfte der Einwohner ist arbeitslos, eine ganze Generation kann nicht zur Schule gehen, und man kann sicher sein, dass Extremisten aus diesem Heer bald neue Kämpfer rekrutieren können. In Syrien mangelt es inzwischen an Brot, Medizin und Strom. In den am schlimmsten von den Kämpfen betroffenen Gebieten im Land, so zeigen Satellitenaufnahmen, sind bis zu 97 Prozent der Beleuchtung erloschen.

Geradezu verzweifelt haben auf dieses Elend – ebenfalls zum 4. Jahrestag – knapp zwei Dutzend internationale Hilfsorganisation aufmerksam gemacht und der internationalen Gemeinschaft am Leiden der syrischen Zivilbevölkerung eine Mitschuld gegeben. Die drei Resolutionen zum Schutz der Zivilisten im Bürgerkrieg im vergangenen Jahr seien von den Konfliktparteien, aber auch Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates ignoriert oder sogar untergraben worden. Kurz darauf empörten sich acht der höchsten UN-Manager, dass die Politiker in der Syrienkrise schmählich versagt haben.

In westlichen Analysen wird für die Blockade-Politik sehr oft Russland und China die Schuld gegeben. Ihr Widerstand habe eine Verurteilung oder gar den schnellen Sturz Assads behindert. Nur waren es zu Recht diese beiden Staaten, die schon von Anbeginn darauf hingewiesen haben, dass ohne Assad keine Lösung möglich ist, dass ein Regimesturz den Konflikt keineswegs löst, sondern neue und schlimmere Probleme schafft.

Dutzende verpasste Gelegenheiten

Im Westen jedoch hoffte man unverdrossen auf einen schnellen Abgang Assads und negierte die Unterstützung, die der Regimechef im Land noch genießt. Gestützt nur auf die Armee oder die Sicherheitsdienste hätte er sich niemals halten können. Die Politiker in Washington, Berlin und Paris, Riad und Ankara konzentrierten sich auf die heillos zerstrittenen Oppositionsgruppen, die sich bereits um die Macht bekriegten, bevor sie davon auch nur ein Zipfelchen zwischen den Fingern hatten. Eine Strategie jenseits dieses Szenarios hatte keiner, dafür aber umso handfestere Eigeninteressen. Und dann tauchte noch der Islamische Staat auf.

Inzwischen ist allen Beteiligten völlig klar, dass der Konflikt nicht militärisch zu lösen ist. Vier Jahre nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs und nach Dutzenden verpassten Gelegenheiten erklärte US-Außenminister John Kerry, dass es nur eine politische Lösung gibt und man mit Assad über eine politische Transformation reden muss. Doch verbirgt sich dahinter nur die alte, nicht praktikable Forderung nach einem freiwilligen Rücktritt. Und sogar das wurde umgehend dementiert. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich deutlicher. Der Weg zu einem Ende der Gewalt führe einzig über Verhandlungen für eine politische Lösung, sagt er. Selbst wenn dafür Gespräche mit dem Assad-Regime notwendig seien.

Genau das sind sie. Notwendig und dringend. Wer sich gegen diese Einsicht sträubt, soll sich die Bilder des verwüsteten Aleppo anschauen, die Fotos von den riesigen Lagern der Flüchtlinge oder die Propagandavideos der rasenden, tobenden, jauchzenden IS-Kämpfer. Welche Zukunft ist es denn wert, dass in der Gegenwart dafür weiter gemordet wird?