Leitartikel zum deutschen Fußball: Das Risiko Paderborn

Für Fußballfans ist dieser Sonnabend ein Segen. Bayern München spielt im DFB-Pokalfinale in Berlin gegen Borussia Dortmund, der Meister gegen den Zweiten. Die Funktionäre dürfen erleichtert sein, weil die Rebellion der Emporkömmlinge wenigstens einen Tag lang Pause macht. Zuletzt war der SC Paderborn in die Erste Bundesliga aufgestiegen, um dort den Platz des Traditionsvereins 1. FC Nürnberg einzunehmen. Und Sonntag folgt ihm womöglich ein Klub, der aus einer Fusion zwischen der Spielvereinigung Fürth und dem TSV Vestenbergsgreuth hervorgegangen ist. Er ist auf dem besten Wege, den Hamburger SV aus der Eliteklasse zu eliminieren, den einzigen Verein, der seit Gründung der Bundesliga 1963 noch nie abgestiegen ist. Paderborn und Greuther Fürth ergänzen den sukzessiven Siegeszug der Parvenüs: die TSG Hoffenheim, der VfL Wolfsburg, Freiburg oder der FC Augsburg.

Top-Klubs geben immer mehr aus

Dass der deutsche Fußball inmitten der Globalisierung die Hochphase seiner Provinzialisierung erlebt, verdankt er seinen durch die Kommerzialisierung komplizierter werdenden Voraussetzungen. An der Spitze setzen sich die regelmäßigen Champions-League-Teilnehmer München und Dortmund dank internationaler Zusatz-Einnahmen unerreichbar ab. Die 30 Millionen Euro, mit denen Mittelklasseklubs wie Hannover 96 oder Eintracht Frankfurt ihren Lizenzspielerkader eine Saison lang unterhalten, verdient der FC Bayern allein in der Champions League. Für ihre Luxus-Mannschaft brauchen die Münchner 140 Millionen Euro, doppelt so viel wie Dortmund, zehnmal so viel wie der Tabellenletzte Eintracht Braunschweig. Die stetig wachsenden Ausgaben der Top-Klubs erhöhen den Druck auf ambitionierte Großvereine wie Schalke 04 oder Großstadtvereine wie den Hamburger SV oder den VfB Stuttgart. In ihrer Sucht nach Prestige investieren sie in Spieler in der Hoffnung, mit ihnen ließen sich üppige Honorare durch die Qualifikation für Europapokalwettbewerbe amortisieren. Doch die Komposition erfolgreicher Fußballmannschaften aus einer Ansammlung guter, teurer Profis erweist sich regelmäßig als hoch komplizierte Angelegenheit, bei der es so garantiefrei zugeht wie bei der Ziehung der Lottozahlen: alles ohne Gewähr. Nicht mal dem HSV feindlich gesonnene Experten hätten vermutet, dass der prominente Kader in der Lage wäre abzusteigen.

Das Dilemma unüberschaubarer Risikoinvestments bietet nur zwei Auswege: Kapitalzuschüsse von Konzernen für ganz oder fast werkseigene Vereine wie Bayer in Leverkusen oder Volkswagen in Wolfsburg, die darauf angewiesen sind, unattraktiven Firmensitzorten weiche Standortfaktoren zur Anwerbung qualifizierten Personals zu bescheren. Eine moderne Version versucht Red Bull beim Zweitliga-Aufsteiger Leipzig – seit das Vorbild in Hoffenheim so prächtig funktioniert hat, wo ein SAP-Mitbegründer einen Dorfklub auf Erstliganiveau ausstattet. Alternativ haben reihenweise Provinzvereine die Gunst der Stunde erkannt: Teams wie Paderborn, Fürth, Braunschweig, Freiburg oder Augsburg widersetzen sich mit Billiglohnkadern dem Druck personeller Aufrüstung im Aufstiegsfall, weil die Erstligazugehörigkeit allein schon Erfolg genug ist. Wichtiger als der rasante Höhenflug bleibt im Scheitern der weiche Fall.

Strukturwandel im Ruhrgebiet

Sie alle profitieren davon, dass die sportliche Entwicklung von Vereinen zwangsläufig dem wirtschaftlichen Trend ihrer Region folgt: Ein Vierteljahrhundert nach der Wende blühen die Landschaften im Osten allenfalls im Sommer, wenn der Fußball Pause macht. Und die Vereine der einstigen DDR-Oberliga leiden darunter, dass die Zentralen erfolgreicher Unternehmen fast alle weiterhin den Sitz in Westdeutschland haben und ihre Sponsorenzuwendungen lieber da verteilen. In der Folge haben alle ostdeutschen Erfolgsklubs von Dresden bis zu Rostock ihre Plätze in den höchsten beiden deutschen Spielklassen räumen müssen.

Noch entscheidender wirkt sich der Strukturwandel des Ruhrgebiets aus. Stammten aus dem nordrhein-westfälischen Ballungszentrum, der nach der Schließung der Zechen unter Abwanderung leidet, einst bis zur Hälfte der Erstligavereine von Rot-Weiß Essen über Bayer Uerdingen, den MSV Duisburg, den VfL Bochum oder Wattenscheid 09, so hat der Konzentrationsprozess um Schalke 04 und Borussia Dortmund längst für viel freien Erstliga-Platz gesorgt. „Wir können nicht noch drei Mannschaften gebrauchen, die vor 25.000 Zuschauern spielen und auswärts nur 500 Zuschauer mitbringen“, mahnte Dortmunds Chef Hans-Joachim Watzke, „da kollabiert das System, da ist es vorbei mit der Roadshow im Ausland.“ Und da hatte er von Paderborn in der Ersten Liga noch nicht mal geträumt.