Die Politik macht sich Sorgen um das bürgerschaftliche Engagement. Im gleichnamigen Ausschuss des Deutschen Bundestages wurden deshalb Ende Januar Experten zu der Frage gehört, wie sich die Nachwuchsprobleme in den so verdienstvollen ehrenamtlichen Tätigkeiten beheben lassen. Vor allem die sogenannten Blaulichtorganisationen wie Technisches Hilfswerk und Feuerwehr tun sich schwer, junge Menschen für ihre Organisationen zu gewinnen.

Die Ursachen liegen auf der Hand. Die demografische Entwicklung hat einen Konkurrenzkampf um junge Leute und deren Freizeitaktivitäten enorm forciert. Und es gilt in der Generation Party nicht gerade als „cool“, Rettungsgerät und Feuerwehrschläuche für den Ernstfall in Schuss zu halten. Man muss nicht gleich über Werteverfall sinnieren, um festzustellen, dass der Bürger bei den meisten Dingen, die er tut, vor allem auch darauf achtet, dass und wie sie ihm nutzen.

Gaffer sind zuerst zur Stelle

Die Bedeutung des Ehrenamtes steht nicht zur Disposition. Die Fähigkeit, Krisen zu meistern, hängt vor allem auch von der Bereitschaft einzelner ab, sich für die anderen einzusetzen, wenn es darauf ankommt. Aber man kann nicht immer davon ausgehen, dass es sich so verhält. Deshalb war die Empörung zuletzt groß, als nach einer Massenkarambolage auf der A2 die Gaffer als erste zur Stelle waren, dabei aber in ihrer Beobachterposition verharrten und die Einsatzkräfte bei ihrem Tun behinderten. Es kommt einer zivilisatorischen Soll-Bruchstelle gleich, wenn das naheliegende unterlassen und der Unfall zur Unterhaltung wird. Die Institution des Ehrenamtes ist dagegen eine permanente Bearbeitung dieser Soll-Bruchstelle. Hilfe muss Vorrang haben.

Und doch kommt es einer rituellen Selbstberuhigung gleich, wenn in feierlichen Reden die Bedeutung des Ehrenamtes beschworen wird, die Redner dabei aber den Anschein erwecken, als wollten sie mit den Problemen, die ehrenamtliche Tätigkeiten aufwerfen, lieber nichts zu tun haben. Denn es gibt sie, die Schwierigkeiten mit dem freiwilligen Engagement einzelner. So ist es im sozialen Bereich längst üblich, ehrenamtliche Tätigkeit als selbstverständlich vorhandene Ressource in die Leistungspläne einzubeziehen.

Im Kinder- und Jugendbereich etwa werden freie Träger von den kommunalen Behörden unter Druck gesetzt, die fehlenden Angebotsstunden mit Ehrenamtlichen aufzufüllen. Deren Einsatzbereitschaft dient hier der Sollerfüllung und bringt zugleich eine Konkurrenzsituation zwischen unentgeltlichem Ehrenamt und bezahlten Tätigkeiten hervor. Mit dem Verweis aufs Ehrenamt geht so unterschwellig eine Entwertung der Beruflichkeit einher, mit der die Angestellten nicht selten alleingelassen werden.

Alten stehen Jungen im Weg

Es ist nicht immer einfach, die Freiwilligen in die täglichen Arbeitsabläufe zu integrieren. So klagen beispielsweise Erzieher darüber, dass sie nur sehr bedingt auf die vorhandenen Hilfsangebote von Großeltern zurückgreifen können. Es mangele vielfach an professioneller Distanz und der nötigen Besonnenheit in Ausnahmesituationen. Und selbst im Sportbereich, wo gerade die Jugendarbeit nicht ohne das Engagement begeisterter Ehemaliger zu denken ist, kommt es nicht selten zu Konflikten, in denen die alten Hasen den Aufstiegsambitionen Jüngerer im Wege stehen. Es gibt eine permanente Spannung zwischen Ehrenamtlichen und Professionellen, die bei den Appellen fürs Ehrenamt gern unterschlagen wird.

Es käme also darauf an, ein Bewusstsein für das Zusammenspiel von Ehrenamt und Beruf zu schärfen und beide Gruppen entsprechend zu stärken. Zu einer gelingenden Einbindung ehrenamtlicher Tätigkeiten bedarf es einerseits Professionalisierungsstrategien für Freiwillige. Ebenso wichtig ist es, der Tendenz zur Dequalifizierung in vielen Berufen entgegenzuwirken. Gerade im Bereich der Erziehung, aber auch der Kranken- und Altenpflege gibt es kaum hinreichende Aufstiegs- und Veränderungsmöglichkeiten für älter werdende Mitarbeiter. An Lobreden auf die Erfahrung der Alten mangelt es nicht, doch in vielen Berufsfeldern will es kaum noch gelingen, diese entsprechend abzurufen und in die gedrängten Arbeitsabläufe zu integrieren.

Das ethische Rüstzeug für die Ausübung ehrenamtlicher Tätigkeiten in der Gesellschaft entstammt dem Vorbild des Füreinandereinstehens in der Familie. Das Besondere am Ehrenamt ist aber gerade, dass es nicht mehr im familiären, sondern mitten im gesellschaftlichen Trubel ausgeübt wird. Als solche kann die Institution Ehrenamt nur sinnvoll sein, wenn sie nicht nur folkloristisch besungen wird, sondern auch mit den gesellschaftlichen Modernisierungsanforderungen Schritt hält.