Berlin - Möchte noch jemand darauf wetten, dass der neue Flughafen in Schönefeld in seiner jetzigen Form je eröffnet wird? Dass er zügig „ans Netz“ geht, wie Geschäftsführer Hartmut Mehdorn immer verspricht? Kann irgendjemand ausschließen, dass das Gebäude komplett umgebaut, entkernt, ja sogar wieder abgerissen werden muss? Und folglich weitere Milliarden fließen werden, bis in etlichen Jahren dort das erste Flugzeug abhebt?

Es gibt kein Schreckensszenario, das man sich beim BER nicht vorstellen kann. Soweit ist es gekommen. Fast täglich erhält dieser Fatalismus neue Nahrung – obwohl es so gut wie keine offiziellen Informationen über den Stand der Bauarbeiten gibt. Oder gerade deshalb. Lange Zeit hielt sich der Eindruck, dass die Verantwortlichen nicht nur unfähig sind zum Bauen, sondern auch zum Kommunizieren. Dass sie Transparenz für unwichtig halten angesichts der Probleme. Jetzt wissen wir, dass sogar dies eine Illusion gewesen ist. Der Verdacht, dass wir für dumm verkauft würden und irgendwer im Besitz der ganzen Wahrheit sei, ist falsch. Keiner weiß etwas.

Bestes Beispiel war die letzte Aufsichtsratssitzung im April. Vierzehn Stunden hockten ein Regierungschef, mehrere Minister, Staatssekretäre und Gewerkschafter zusammen. Heraus kam – nichts. Die spektakulärste und einzige Nachricht handelte davon, dass Mehdorn nach der Sitzung mit seinem Wagen in die Leitplanken fuhr. Bis heute kennt niemand einen Eröffnungstermin, einen Termin zur Verkündung des Eröffnungstermins, eine seriöse Kostenschätzung. Die nächste Sitzung ist im Juli. Bis dahin wird weitergewurschtelt.

Trauriges Expertenroulette am BER

Natürlich ist es peinlich, was die deutsche Hauptstadt vor den Augen der Weltöffentlichkeit aufführt. Aber das ist egal. Es ist schon längst viel schlimmer als peinlich. Es ist beängstigend. Seit acht Jahren wird an diesem Projekt herumgewerkelt. Eine Milliarde nach der nächsten verschwindet spurlos in dem Bau, ohne dass nachvollziehbar wäre, was sie zu seiner baldigen Eröffnung beigetragen hätte. Heerscharen von Experten ziehen über die Baustelle und versuchen zu begreifen, was ihre Vorgänger oder sie selbst da angerichtet haben. Sie brüten über Bauplänen und Schaltkreisen, rätseln über Entrauchungs- und Brandschutzanlagen, entwirren Kabeltrassen und ihre eigenen Gedanken, ohne zu wissen, ob und wann sie je Erfolg haben werden.

Acht Jahre haben deutsche Ingenieure, darunter die Weltfirmen Bosch („Technik fürs Leben“) und Siemens („Pionier unserer Zeit“) unter Anleitung der Länder Berlin und Brandenburg und der Bundesrepublik Deutschland ein Gebäude errichtet, dass derart verkorkst, missraten und verpfuscht ist, dass alles Expertenwissen nicht ausreicht, um es funktionsfähig zu bekommen. Das ist die traurige Wahrheit.

Es geht schon lange nicht um die Unfähigkeit einzelner. Schuld haben alle: Projektbüros, Firmen, Bauleute, Geschäftsführer, Aufsichtsräte. Fast jeder Chef, jeder Planer, jeder Experte ist mindestens einmal ausgetauscht worden. Geholfen hat es nicht. Ob Wowereit nun Aufsichtsratsvorsitzender ist oder nicht, spielt für das Gerechtigkeitsempfinden der Beobachter eine Rolle, für die Fertigstellung des Hauses aber nicht. Den polternden, erratischen und überforderten Mehdorn wieder rauszuwerfen, wäre zwar verdient, aber nutzlos. Weil es zwar manches anders, aber nichts besser machen würde.

Der nächste Skandal steht schon im Kalender

Muss wenigstens jemand die Verantwortung für das Desaster übernehmen? Wäre gut. Es steht nur keiner mehr zur Verfügung. Nicht mal das funktioniert. Die Geschäftsführer Schwarz und Körtgen, die den Bau von der Grundsteinlegung an geleitet haben, sind längst weg. Die beteiligten Verkehrsminister Tiefensee und Ramsauer ebenso. Brandenburgs damaliger Ministerpräsident Matthias Platzeck ist aus der Politik ausgeschieden. Sein Nachfolger Dietmar Woidke weigert sich, in den Aufsichtsrat zu gehen. Er weiß warum.

Bleibt Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin. Er ist noch da. Er war an vorderster Front am Pfusch beteiligt. Er ist es aber auch, der an vorderster Front versucht, die Sache noch irgendwie zu retten. Das wird ihm nicht helfen. Seine Umfragewerte sind schon jetzt im Keller. 2016 endet seine Amtszeit. Ist der Flughafen bis dahin fertig, tritt er ab mit dem Ruf, wenigstens die Scherben aufgefegt zu haben. Ist er nicht fertig, wovon nach den Erfahrungen der letzten Jahre auszugehen ist, wird er schlau genug sein, nicht noch einmal zu kandidieren. Er hätte keine Chance.

Er hinterlässt wohl eine Ruine. Oder im allerallerbesten Fall einen Flughafen, der mit dem Datum seiner Eröffnung schon wieder viel zu klein ist. Das ist bereits der nächste Skandal.