Vor elf Jahren rückten US-Truppen in den Irak ein. US-Präsident George W. Bush begründete damals den Einmarsch öffentlich damit, Saddam Hussein stelle Massenvernichtungsmittel her und sei mit den Islamisten von Al-Kaida verbandelt. Beides war schlicht gelogen. Der Diktator endete am Strick. Aber weite Teile des Landes werden nun von der Terrortruppe Isis kontrolliert. Diese herrscht heute im Nordosten Syriens und im Westen des Iraks über ein zusammenhängendes Gebiet, das weit größer ist, als jenes, das Al-Kaida in Afghanistan unter dem Regime der Taliban je hatte. Ihrem Ziel, ein Kalifat zu errichten, das vom Euphrat bis zum Mittelmeer reicht, sind die Terroristen ein gutes Stück nähergekommen.

Die Lage ist hochdramatisch. Über der Dreimillionenstadt Mossul weht die schwarze Fahne der Dschihadisten. Die irakische Armee hat ihnen in wenigen Tagen eine Reihe von Städten kampflos überlassen. Isis hat mit dem Sturm auf Gefängnisse Tausende von Sympathisanten befreit und mit der Eroberung von Militärstützpunkten seine Waffenlager aufgefüllt. Schon drohen die Islamisten mit einem Marsch auf Bagdad.

Was die Situation so explosiv macht, ist der regionale Kontext. Isis ist im Irak entstanden, aber erst im syrischen Bürgerkrieg wirklich groß geworden. Isis ist heute die stärkste Kraft im Widerstand gegen Syriens Diktator Baschar al-Assad, Doch während dieser die laizistischen und moderat islamistischen Rebellen mit Luftwaffe und Fassbomben bekämpft, verschont er Isis weitgehend. Die Botschaft an den Westen ist klar: „Wenn ich stürze, kommen die allerschlimmsten Islamisten an die Macht.“ Und sie ist angekommen. Der Westen scheint sich mit der Herrschaft Assads abgefunden zu haben. Dieser ist berechenbarer als die Bärtigen.

Nun droht aber Isis auch den Irak in einen offenen Bürgerkrieg mit religiös definierten Fronten zu stürzen. Auf der einen Seite Präsident Nuri al-Maliki, der wie die Mehrheit der Iraker zu den Schiiten zählt und angesichts der Schwäche der Armee vielleicht schon bald radikale schiitische Milizen mobilisieren wird. Auf der anderen Seite die sunnitische Terrororganisation Isis, die bei sunnitischen Stammesführern Rückhalt findet und heute die sunnitisch geprägten Provinzen des Iraks fast vollständig kontrolliert. Dass Maliki die Sunniten von der Macht genauso ausschließt wie einst Saddam Hussein die Schiiten, erleichtert die Frontbegradigung.

In allerhöchster Not ruft das Regime in Bagdad nun die Peschmerga zu Hilfe. Die Miliz des autonom regierten Kurdistans im Norden Iraks ist wohl die einzige Truppe, die Isis schnell und effizient Widerstand entgegensetzen könnte. Aber die Kurden werden sich einen solchen Einsatz politisch bezahlen lassen. Sie liegen mit der Regierung in Bagdad im Streit um die Stadt Kirkuk, die als Wiege der kurdischen Nation gilt, aber außerhalb der Grenzen Kurdistans liegt und nach der Flucht der irakischen Soldaten nun von Peschmerga besetzt wurde. Vor allem aber wollen die Kurden ihr Erdöl selbst fördern und exportieren. Sie tun dies bereits – illegal, wie die Regierung in Bagdad behauptet. Der Konflikt schwelt seit Langem. Es geht um handfeste Interessen.

Und als ob es in diesem verworrenen Konflikt nicht schon genug Kontrahenten gäbe, versucht Isis, mit der Entführung türkischer Diplomaten aus dem Konsulat von Mossul noch einen weiteren Staat in die Auseinandersetzung zu zwingen. Vermutlich ohne Erfolg.

Mit Syrien und dem Irak droht zwei der ehemals stärksten Staaten des Mittleren Ostens der Kollaps. Europa steht vor neuen Flüchtlingsströmen. Sollte sich aber ein islamistisches Kalifat zwischen Damaskus und Bagdad etablieren, käme ein weiteres Problem hinzu. Schon jetzt kämpfen in Syrien Hunderte, vielleicht auch Tausende Europäer, vor allem bei den Truppen von Isis, gegen das Regime. Ein Kalifat würde noch mehr verblendete junge Männer anziehen. Viele von ihnen werden wohl eines Tages wieder nach Europa zurückkehren. Trotzdem wird sich kein europäischer Staat in den Hexenkessel begeben. Und die USA, die vor zweieinhalb Jahren unter Schmach ihre letzten Soldaten aus dem Irak abziehen mussten, werden allenfalls Drohnen schicken.

So bleiben doch die Kurden als vorletzte Hoffnung. Allerletzte ist wohl der von Schiiten regierte Iran. Er wird notfalls dem schiitischen Regime in Bagdad mit Waffen und Revolutionsgardisten zu Hilfe eilen. Nachdem die USA mit ihrer Intervention im Irak das Desaster mit zu verantworten haben, wäre es – salopp formuliert – eine weitere Kapriole der Geschichte, wenn ihr Erzfeind in Nahost das Problem zu lösen hülfe.