Alle aktuellen Berichte über den Vormarsch der radikal-islamischen Miliz Islamischer Staat (IS) sind Katastrophenmeldungen: Die IS-Kämpfer metzeln Gegner, Konkurrenten, Andersgläubige nieder. Sie besetzen Städte, Staudämme, Ölfelder. Sie rücken trotz der US-Bombardements beharrlich gen Erbil und Bagdad vor.

Die westlichen Staaten reagieren darauf mit erstaunlicher Gelassenheit und dem Gewohnten: Die einen schicken Kampfbomber und Drohnen, die wenig ausrichten. Die anderen liefern Waffen an vermeintliche Verbündete, über die sich später die IS-Kämpfer freuen werden, wenn sie ihnen in die Hände fallen. Außerdem gibt es noch wohlfeile Aufrufe zur Gewaltlosigkeit. Ansonsten herrscht Ruhe. Viele Politiker sind in den Sommerferien.

Von einer Sache jedoch ist gar keine Rede: von der Diplomatie. Nein, es geht hier nicht darum, mit den IS-Leuten am Lagerfeuer Tee zu trinken und nach unmöglichen Kompromissen zu suchen. Die Diplomatie müsste vielmehr aktiv werden, um andere Konflikte im Umfeld des IS-Kriegsgebiets zu beenden und bedrohte Staaten auf diese Weise zu stabilisieren.

Hinter den Kulissen funktioniert die Kooperation

Wichtigster und erster Adressat einer solchen diplomatischen Initiative wäre der Iran. Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit kommen die Atomverhandlungen zwischen den westlichen Staaten und der Islamischen Republik gut voran. Es gibt bereits ein Papier, das Lösungen für diesen Großkonflikt skizziert. Aber Unterstützung für Irans Präsident Hassan Ruhani gegen die Konservativen im Land täte not. Denn die USA und Iran müssen sich einigen, nur zusammen können sie in der Region etwas bewirken. Hinter den Kulissen funktioniert die Kooperation im Fall der IS-Bedrohung bereits: Amerikanische und iranische Offiziere beraten die irakische Armee; beider Drohnen beobachten die Kriegsentwicklung; beide liefern Waffen nach Bagdad. Inzwischen akzeptiert Teheran sogar, dass Hamed al-Abadi den amtierenden Premier Nuri al-Maliki ablöst.

Auch Saudi-Arabien muss diplomatisch gedrängt werden. Die Führung in Riad hat die direkte wie indirekte Unterstützung von Dschihadisten wie der IS-Miliz lange zugelassen, weil sie gegen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad und damit den schiitischen Iran kämpften. Inzwischen haben Panik und ausländischer Druck einiges bewirkt: Im März erklärte Saudi-Arabien die IS zur Terrororganisation; der Geheimdienstchef, ein Iran-Hasser und Dschihadisten-Unterstützer, wurde entlassen. Vor allem aber nähern sich die beiden verfeindeten Regionalmächte Iran und Saudi-Arabien einander an: Seit Ende Juni soll es dort einen direkten Draht für einen Sicherheitsdialog geben.

Zudem gilt es auch mit der Türkei über ihre Syrien-Politik, ihre Dschihadisten-Unterstützung sowie eine schärfere Kontrolle der Grenzen zu reden. Denn IS-Kämpfer reisen über die Türkei nach Syrien und Irak ein und für Ruhepausen zurück.

Eine weitere Baustelle ist das Israel/Palästina-Problem, wo die USA und der Westen auf diplomatischem Wege etwas gegen die IS-Banden tun könnten. Der Langzeit-Konflikt vergiftet die Atmosphäre in der Region, dient Diktatoren als Vorwand für Repressionen, lassen die UN und ihre Resolutionen als nutzlos erscheinen. Der Konflikt produziert Flüchtlinge und Hass, eskaliert immer wieder zu Kriegen. Würde dieser Konflikt gelöst, wäre eine Brutstätte für Extremismus und eine Quelle propagandistischer Hassparolen verschwunden. Dafür aber bedarf es des Drucks von USA und Europa auf beide Seiten und ein ehrliches, unparteiisches Engagement.

Bleibt noch Syrien und da hilft alles nichts: Irgendjemand muss mit Syriens Noch-Staatschef Assad reden. Man kann den Mann verabscheuen, aber im Moment lassen sich nur mit seiner Hilfe weitere Bürgerkriegsopfer vermeiden und die IS-Krieger stoppen. Alles andere muss man vertagen. Das mag ein hoher Preis sein – doch den sollte man zahlen, wenn man wirklich will, dass die IS-Horden aufgehalten werden. Angesichts des Vormarsches des IS fragt sich: Warum nur haben westliche Geheimdienste nicht früher vor der IS gewarnt? War diese Zurückhaltung Teil eines Plans, den Irak in drei Teile zu dividieren? Tatsächlich wird jene alte Idee in Pentagon-Büros und Thinktank-Stuben derzeit wieder munter diskutiert.

Diese Diskussionen sollte man schnellstens beenden und sich vielmehr über das Ausmaß der Gefahr klar werden: Der Islamische Staat ist keine Miliz mehr, sondern eine brutale, schlagkräftige Armee. Sie beherrscht ein Territorium und hat moderne Waffen, sie besitzt eine Ideologie, eine Strategie und ein klar definiertes Ziel. Sie will die Region weit über Syrien und Irak hinaus bis zum Golf und ans Mittelmeer erobern.