Der amerikanische Außenminister John Kerry hat mit der Kälte des Geopolitikers gesagt, Kobane sei strategisch nur eines von vielen Zielen im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Damit brüskieren die USA die Kurden, deren syrische Vertreter einer Übermacht der Dschihadisten mit dem Mut der Verzweiflung standhalten. Zugleich geraten der Westen, die Anti-IS-Koalition und auch Berlin unter starken Druck zu handeln – einen, den sie selbst geschaffen haben, als sie ihre Nahostpolitik um 180 Grad drehten und den IS zum Hauptfeind der Menschheit erklärten.

Den aktionistischen Zwang versuchen westliche Führer jetzt an die Türkei weiterzugeben, der sie vorwerfen, nichts gegen die Dschihadisten zu tun. Die Türkei hält sich aus guten Gründen zurück. Würde sie in Kobane einmarschieren, gliche dies einer Kriegserklärung an das Assad-Regime in Damaskus. Können wir das wirklich wollen? Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat erklärt, dass der IS ohne Bodentruppen nicht zu schlagen ist und man für deren Einsatz eine Gesamtstrategie braucht. US-Präsident Obama hat seinerseits klargemacht, dass die USA keine Bodentruppen nach Syrien entsenden wollen. Und in Berlin führt allein der Gedanke, deutsche Soldaten könnten in das syrische Pulverfass entsandt werden, zu Hitzewallungen.

Andere müssen am Boden kämpfen

Will der Westen aber das Nötige nicht selbst tun, dann heißt das, andere müssen den Kampf am Boden führen. Da die „moderaten Rebellen“ in Syrien nie hinreichend unterstützt wurden, sind sie weit davon entfernt, einsatzbereit zu sein. Weil zugleich eine Verhandlungslösung, anders als vor drei Jahren, nicht mehr möglich ist, ist jetzt der Moment der Wahrheit gekommen: Wer soll „da unten“ für uns kämpfen? Lässt man eine Intervention anderer arabischer Kräfte außen vor, kommen als Infanterie gegen den IS in Syrien derzeit nur drei Akteure in Frage: die Türkei, das Assad-Regime oder die Kurden.

Stärkt der Westen die türkischen Positionen, entscheidet er sich gegen die Interessen der Kurden und des Assad-Regimes. Die Belange Ankaras haben sich im Gegensatz zu den westlichen nicht geändert. Die türkische Regierung besteht auf dem Sturz Assads und will die Autonomie der syrischen Kurden verhindern. Sie fordert wie seit drei Jahren eine Puffer- und Flugverbotszone im syrischen Grenzgebiet, die sich zwangsläufig gegen Damaskus und auch gegen die kurdischen Interessen richtet. Der Kampf gegen den IS besitzt für Ankara keine Priorität. So fragen türkische Politiker, warum Enthauptungen durch die Islamisten schlimmer sein sollen als der Massenmord an jenen Frauen, Männern und Kindern, die Tag für Tag durch Assads Fassbomben sterben.

Assad nutzt die Gunst der Stunde

Der syrische Diktator nutzt die Gunst der Stunde und bietet der Obama-Koalition seine Dienste an. Doch eine Zusammenarbeit mit Assad ist eine Zumutung für den Nato-Partner Türkei und würde das Bündnis auf eine Belastungsprobe stellen. Stärkt der Westen das Regime, müssten die Kurden die alte Unterdrückung fürchten; die Bewaffnung moderater Rebellen könnte Obama gleich sein lassen. Und die sunnitische Mehrheit der Syrer würde er den Dschihadisten weiter in die Arme treiben. Assad einzubinden hieße, den Bock zum Gärtner zu machen.

Bleiben die Kurden. Ihre Verteidigungskräfte sind das, was die US-Militärs immer fordern – gut ausgebildet, hochmotiviert und effektiv. Sie wollen mit dem Westen kooperieren und wären sofort handlungsfähig. Tausende Kurden stehen in der Türkei bereit, sich dem Kampf der syrischen Kurden anzuschließen. Der nordirakische Kurdenpräsident Barsani hat Ankara aufgefordert, seine Peschmerga-Armee nach Kobane zu lassen. Doch Ankara lässt keine Hilfe über ihr Territorium zu, und der Westen scheut das Bündnis mit den Kurden, weil es einen Konflikt mit dem Nato-Partner Türkei bedeuten würde.

Nichtstun ist auch eine Position

Kobane ist vielleicht kein militärstrategisch bedeutsames Ziel. Aber es ist der Lackmustest, wie wir uns zu den Kurden stellen. Die irakischen Kurden hat Deutschland als Partner akzeptiert. Wir liefern ihnen Waffen und bilden sie militärisch aus. Eine solche Position zu den syrischen Kurden gibt es nicht, denn dies würde auch eine Haltung zu weiteren Fragen erfordern, die in der Region seit langem brodeln und auf die es keine einfachen Antworten gibt. Manche sagen, dann sollten wir uns eben ganz heraushalten und gar nichts tun. Das ist ein schlechter Rat, denn Nichtstun ist auch eine Position – gegen die kurdischen Interessen und für eine der zwei anderen Optionen. Wenn wir aber den Test von Kobane nicht bestehen, wird unsere Politik gegen die Terrormiliz scheitern. Dann wird sich die Spirale der Gewalt weiter drehen und auch unsere Gesellschaft mehr und mehr erfassen.