Und wer hat’s erfunden? In diesem Fall nicht allein die Schweizer. „Weshalb sollten wir uns die Probleme anderer Staaten ins Land holen?“, fragte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer zu Jahresbeginn auf die Frage nach Massenzuwanderung und Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU. Die Schweizer Wähler haben nun auf diese Frage geantwortet und den deutschen Mediziner in Luzern und die italienische Servicekraft in den Zermatter Bergen zu unerwünschten Personen erklärt.

Bei dem Votum überrascht zuerst die Schweizer Binnensicht. So richtet sich das Vorhaben, den Zuzug von EU-Bürgern zu begrenzen und im Gegenzug den freien Warenverkehr zu gefährden, durchaus gegen die eigenen ökonomischen Interessen. Aber die Elite des Landes kam mit diesen Argumenten nicht durch. In einer brüchigen Welt wünschen die Schweizer Wähler lieber eine Insel mit Bergen.

Dabei geht es um mehr als um Weltabgewandtheit. Das Wohlfahrtsversprechen zieht nicht mehr, das feine Band zwischen oben und unten ist zerrissen. Der ökonomische Zusatznutzen kommt unten nicht mehr an. Nicht nur in der Schweiz. Längst erfassen die Folgen der Globalisierung allerorten die Mittelschicht. Am Anfang stand allein die Sorge, dass Billigjobs in die Textilfabriken nach Asien wandern. Das traf noch die anderen, die sogenannten Modernisierungsverlierer.

Doch dabei blieb es nicht. Denn der indische Ingenieur erstellt die Bankensoftware oft nicht nur billiger, sondern auch besser als sein europäischer Konkurrent, und das frei mäandernde Kapital sucht sein Heil in stabilen Werten wie Immobilien weltweit. Das lässt Immobilien- und Mietpreise steigen. Nicht nur in New York, sondern auch in Basel und Berlin. In Frankfurt, Köln und München sowieso. Wer soll sich Stadt noch leisten? Die Mittelschicht hat längst eine leise Ahnung – wenn nicht vom eigenen Abstieg, so doch davon, dass es für die eigenen Kinder eng wird mit dem Statuserhalt. Vom möglichen Aufstieg ganz zu schweigen. Das lässt sich nicht nur bei der Qual der Wahl der (Privat)-Schule betrachten, die heute längst als erster Karriereschritt dient. Nur nicht gemeinsam lernen, mit denen, die uns womöglich am Fortkommen hindern. Die Neue Mitte, einmal als sozialer Motor gedacht, riegelt sich ab.

Der neue Populismus

Das trifft nicht allein auf die Schweiz zu. Und doch sind die Entwicklungen beispielhaft. Der neue Populismus hat auch von dort seinen Ausgang genommen. Was mit „Freie Fahrt für freie Bürger“ und dem Kampf gegen Minarette weit rechts begann, hat mit dem Votum zur Zuwanderung die Mitte der Gesellschaft erreicht. Das zeigen auch Geert Wilders in Holland oder Marine Le Pen in Frankreich. Sie wollen raus aus dem Euro (Wilders sogar aus der EU) und zugleich den alten Sozialstaat erhalten.

Das Etikett des Rechtspopulismus trifft daher nicht die ganze neue gesellschaftliche Breite des Phänomens. Populismus war immer ein Aufstand von denen da unten gegen die da oben. Doch der neue Kampf gegen die Eliten vereint die unterschiedlichsten Kräfte – von der Tea-Party-Bewegung gegen die vermeintliche Umverteilungsallmacht des Staates in den USA über Wilders und Le Pen bis hin zur Eurokritischen AfD und der Ukip, der britischen Unabhängigkeitspartei gegen die „Allmacht Europas“.

Von Europa als einer dämonischen Abstraktion spricht der Publizist Ian Buruma. Das Zeichner-Duo Greser & Lenz hat das unlängst schöner formuliert: „Europa ist die Bad Bank für alle Probleme.“ Darin liegt die Botschaft des Schweizer Votums. Die Schweiz ist zwar nicht Mitglied der EU. Erstmals aber wird ein wichtiger europäischer Vertrag mal eben aufgekündigt. Europa ist nicht nur machbar, sondern auch reversibel, Herr Nachbar!

Europas Wohlfahrtsversprechen schwindet. Längst wird es von vielen als abgehobenes Brüsseler Elitenprojekt verkannt. Das lässt wenig Gutes für die Europawahlen im Mai ahnen. Die CSU macht Wahlkampf nach dem Motto: für Europa, aber gegen Brüssel. Die CDU erkennt die Zweifel am Ideal der Weiter-So-Integration – hat aber noch keine rechte Antwort gefunden. Die SPD versucht es mit Martin Schulz und dem Versprechen, Europa gegen die Macht der Nationalstaaten zu demokratisieren.

Ein mutiger Versuch, aber reichlich spät. Europa hat auf dem schwierigen Weg durch die Krise die Basis verloren. Der Nationalstaat stand mal für miefige Enge. Nun, in den seligen Zeiten der globalisierten Welt, scheint er der letzte komfortable Rückzugsort. Die Schweiz hat’s vorgemacht. Europa bietet kein Versprechen. In Zeiten der Krise nicht mal ein ökonomisches. Das zugige Europa ist kein Heimatort. Schade eigentlich.