Selten, nein: Wohl noch nie hat ein Bundeskanzler politisch so nackt dagestanden wie Angela Merkel jetzt in der Abhöraffäre um den amerikanischen Geheimdienst NSA. Nach Monaten ebenso naiver wie arroganter Abwiegelei ist sie selber ins Zentrum des Skandals gerückt, den ihr Kanzleramtschef im August bereits für erledigt erklärt hatte. Der wesentliche Grund, weshalb so viele Menschen vor vier Wochen Angela Merkels Partei gewählt haben, war das Vertrauen, dass in den Händen dieser Kanzlerin das Wohl des Landes und seiner Bürger besonders gut aufgehoben sei. Das stellt sich nun als ein Irrtum heraus.

Der Umgang Merkels und ihrer Regierung mit den vom Ex-US-Geheimdienstler Edward Snowden aufgedeckten Informationen über die maßlose Spionagetätigkeit der Amerikaner war von Anfang an durch große Ahnungslosigkeit und noch größeres Desinteresse gekennzeichnet.

Der für den Datenschutz der Deutschen verantwortliche Innenminister Hans-Peter Friedrich schwafelte von falschen Behauptungen, die sich in Luft aufgelöst hätten, und gab den Bürgern den zynischen Rat, jeder möge selber für den Schutz seiner Privatsphäre im Telefon- und Datennetz sorgen. Ob er diesen Tipp auch seiner Kanzlerin gegeben hat?

Trotz des Verdachts, dass die Kommunikation von Millionen Deutschen überwacht wird, hat Merkel Friedrich und Kanzleramtschef Pofalla gewähren lassen. Erst jetzt, da sie davon ausgehen muss, selbst ein Opfer der eigentlich doch befreundeten Ausspäher aus den USA geworden zu sein, erst jetzt handelt sie. Nun ist es plötzlich doch ein wichtiges Thema. Und es zeigt sich: Angela Merkel hat hier ein geradezu abenteuerliches Ausmaß an Naivität und mangelndem Problembewusstsein gezeigt; sie hat die deutsche Öffentlichkeit in Sicherheit gewiegt, wo höchste Wachsamkeit geboten war. Peer Steinbrücks Vorwurf im Wahlkampf, Merkel verletze ihren Amtseid, Schaden von Deutschland abzuwenden, hat jetzt noch einmal eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Wer schützt uns künftig vor solcher Kumpanei?

Zugleich ist sie vom Präsidenten der USA auf eine in den deutsch-amerikanischen Beziehungen bisher einmalige Weise desavouiert worden. Es ist kaum vorstellbar, dass Barack Obama nicht darüber informiert ist, wenn seine Geheimdienste befreundete Staatsmänner und -frauen ausspionieren. Bei seinem Besuch in Berlin vor einigen Monaten hat Obama Aufklärung der Spionagevorwürfe und vertrauensvolle Zusammenarbeit versprochen. Merkel versicherte ihn der unverbrüchlichen Freundschaft der Deutschen, offenbar hatte sich da eine früher der Sowjetunion geltende Floskel aus ihrem DDR-geprägten Unbewussten eingeschlichen.

Doch so hohl und vergiftet wie diese Formeln damals waren, so muss man sie im Lichte der neuesten Erkenntnisse nun wohl auch für das deutsch-amerikanische Verhältnis verstehen. Wer Vertrauen und Freundschaft will, darf seinen Partner nicht hintergehen und ausspionieren. Dabei geht es hier weniger um die Frage, ob die USA auf diesem Wege tatsächlich Staatsgeheimnisse erlauscht haben. Dieser Lauschangriff ist ein direkter Angriff auf die Souveränität Deutschlands und ein Vertrauensbruch gegenüber Merkel ohnegleichen. Das wird sie, die die Freundschaft zu den USA stets ganz besonders gehütet hat, nicht vergessen. Das Bild des in Deutschland erst so bewunderten Friedensnobelpreisträgers Barack Obama verfinstert sich immer mehr.

Aber diese Affäre hat eine weitere dunkle Seite. Sie offenbart, noch bevor die große Koalition überhaupt beschlossen ist, schon deren ganzes Elend. Monatelang hat der SPD-Politiker Thomas Oppermann im Sommer die Regierung wegen ihrer Hinhaltetaktik und Runterspielerei der US-Spionage vor sich hergetrieben. Nun leitet er gemeinsam mit dem unseligen Bundesinnenminister Friedrich die Koalitionsarbeitsgruppe für Inneres und Justiz und rechnet mit einem Ministerposten im neuen Kabinett Merkel. Und schon wird aus dem scharfen Herrn Oppermann ein freundlicher Herr Säuselmann, der zwar Aufklärung von den USA fordert, die amtierende Regierung aber von jeglicher Attacke verschont.

Dabei liegt die erste Konsequenz doch auf der Hand: Nach ihrem Versagen in der NSA-Affäre dürfen weder Pofalla noch Friedrich weiter Regierungsverantwortung tragen. Noch vor vier Wochen hätte die SPD Merkel und ihre Mannen umgehend mit dieser Forderung konfrontiert. Doch nun ist der Schalter umgelegt, nun wird vertrauensvolle Zusammenarbeit mit diesen Herren gepflegt. Wer schützt uns künftig vor solcher Kumpanei? Die Miniopposition im Bundestag?