Wir dürfen jetzt also warten. Klaus Wowereit ist zurückgetreten, ohne einen Nachfolger zu nennen, ohne einen Übergang zu regeln. Verantwortung sieht anders aus. Er hat der Stadt den Schlamassel in seiner Partei vor die Füße geworfen. Seiner Partei, in der seit Monaten potenzielle Nachfolger mit den Füßen scharren, um sich dann doch wegzuducken, hat er in einer Art Trotzreaktion gesagt: Ich bin weg, ihr wolltet es so, schaut mal, wie ihr zurecht kommt.

Jan Stöß oder Raed Saleh? Über diese Frage wird die SPD in den kommenden Monaten streiten und in einem Mitgliederentscheid abstimmen. Das ist schön demokratisch für die Sozialdemokraten. Aber ist das die Frage, die Berlin beschäftigt? Beschäftigen sollte? Nein. Eindeutig Nein.

Die Bilanz von Klaus Wowereit ist bereits gewürdigt worden. Positiv. Zurecht. Wowereit hat der Stadt in seinen Anfangsjahren Schwung gegeben. Er hat sie ermutigt, sich nicht an der Vergangenheit zu orientieren. Nicht an der Westberliner, nicht an der Ostberliner. Er hat den Blick geweitet für Subkulturen und neue Milieus. Er hat über den Tellerrand geschaut, und es geschafft, dass Berlin stolz auf sich ist. Partyhauptstadt, Hauptstadt der Start-ups, Touristenziel, Kulturmetropole.

Und nun? Das System Wowereit hat sich überlebt. Jetzt, wo all diese Tabubrüche und kreativen Aufbrüche in Berlin Normalität geworden sind, wo Berlin in und auch schon wieder „over“ ist, braucht es etwas anderes. Aber was? Die Regierenden haben darauf – derzeit wenigstens – keine Antwort. Das haben zwei Ereignisse der jüngsten Zeit unübersehbar bewiesen: die Niederlage bei der Entscheidung über das Tempelhofer Feld. Und die Unfähigkeit, das Schicksal einiger hundert afrikanischer Flüchtlinge würdevoll und fair zu begleiten.

Spätestens seit die Entscheidung über die Bebauung des Tempelhofer Feldes aus Sicht der Regierenden so grandios gescheitert ist, wissen wir, dass sich hinter all diesen positiven Entwicklungen und den blumigen Adjektiven, die der Stadt zugeschrieben werden, eine große Leerstelle aufgetan hat. Wer alle Nein-Sager als Blockierer, Querulanten und Bewahrer des Alten abtut, will nichts mehr lernen.

Viel plausibler und viel interessanter ist es zu fragen, ob sich in all diesen Nein-Stimmen nicht ein Unbehagen ausdrückt. Es scheint, als ob der freie Blick über das Tempelhofer Feld in vielen Berlinern den Wunsch geweckt hat nach Neuem, nach Weite, nach Unbegrenztheit, nach Selbstbestimmung, nach dem Experiment.

Die Antwort des Senats war ein Bebauungsplan. Und bei den Bürgern kam an: Die verstehen uns nicht mehr. Niemand hat etwas gegen Wohnungsbau, aber reicht es, einfach Häuser hinzustellen? Oder erwarten wir von der Stadt, in der wir leben wollen, mehr als vier Wände? Touristen, ja. Aber wollen wir wirklich vom Tourismus abhängig sein? Wollen wir immer mehr Hotels, Hostels und Imbissstuben, um uns am Ende als Gast in unserer Stadt zu fühlen?

Es ist toll, dass immer mehr Start-ups nach Berlin kommen. Aber reicht das für eine stabile wirtschaftliche Infrastruktur? Ist es wirklich ein Erfolg, so viel Personal einzusparen, dass Bezirksämter ganze Abteilungen wochenlang schließen müssen? Und wie lange hat es gedauert, bis die Koalition verstanden hat, dass Wohnungen immer teurer werden, wenn sie selbst ihre Grundstücke zu Höchstpreisen verkaufen? Und warum ist das Land nicht in der Lage, dies dem Bund beizubringen?

Unfähig zum Dialog

Das schlimmste aber war und ist, dass die Bürger beschämt und hilflos zusehen müssen, dass diese Stadtregierung es bei aller proklamierten Weltoffenheit nicht schafft, einigen Hundert Flüchtlingen so zu begegnen, dass daraus kein menschliches und soziales Drama wird. Eine zum Dialog unfähige und zum konsequenten Handeln offenbar zu schwache politische Klasse hat Berlin vor den Augen der Weltöffentlichkeit blamiert.

Es reicht nicht, diese Stadt zu verwalten. Dazu ist Berlin zu fragil, zu stark in Bewegung, zu offen. Dazu gibt es auch zu viele Konflikte. Und deshalb reicht es auch nicht, das Amt des Regierenden Bürgermeisters einfach an einen anderen Sozialdemokraten weiterzureichen.

Begreifen wir also Klaus Wowereits Rücktritt als Chance. Verstehen wir ihn als ein Signal zum Innehalten. Machen wir uns die Mühe zu fragen, wohin die Stadt gehen soll und wo ihre Zukunft liegt. Reden wir, diskutieren wir, fragen wir. Entfachen wir einen Wettbewerb der Ideen. Kommen wir ins Gespräch. Mit uns selbst und mit denen, die uns regieren wollen. Und geben wir ihnen die Chance, sich erneut bei uns zu bewerben. Berlin braucht Neuwahlen. Jetzt.