Vor kurzem bekam ich ein Buch geschenkt. Keines ist irgendeines, aber dies war ein besonders Besonderes. Die Herausgeberin überreichte es mir im wahrsten Sinne „druckfrisch“. Der Bildband mit Fotografien von Kurt Klagsbrunn, einem 1938 nach Brasilien emigrierten österreichischen Juden, war sozusagen auf den letzten Drücker zum Beginn der Frankfurter Buchmesse fertig geworden, wo Brasilien das diesjährige Gastland ist. Mehrfach mussten die Scans der alten Negative in Rio de Janeiro neu hergestellt werden, dann war der Druck der Schwarz-Weiß-Fotos so schlecht, dass der Drucker selbst die Bücher einstampfen ließ und von vorne anfing.

Solche Geschichten von den sprichwörtlichen Kosten und Mühen, die nicht gescheut werden, auf dass ein Buch schön und seinem Gegenstand perfekt angemessen ist, muss der Leser nicht kennen. Aber er kann sie fühlen. Nachdem ich dieses Buch aus seiner hauchdünnen Plastikfolie geschält hatte, verströmte es einen unwiderstehlichen Duft. Nach Leim, Druckerschwärze und Papier, über das man sogleich mit den Händen streichen möchte.

Jaja, dieser Sinnlichkeitsfetisch des Buchobjekts mit Lesebändchen, schönem Umschlag und Schnitt, erlesener Typografie und liebevoller Gestaltung ist heillos altbacken und verschroben bis zum Kitsch. Und doch gibt es Verleger, die genau darin ihre Aufgabe sehen, Buchmacher, die ihr Geschäft nicht auf Rennpferde und Wetten ausrichten, sondern auf bleibende Werte. Und es gibt die Leute, die solche Bücher haben wollen. Bücher, deren Rascheln der Seiten man hören und die man flach auf den Rücken legen kann. Klar kommt es darauf an, was drin steht. Inhalt, so heißt es zu recht, kann jede Form der Vermittlung nehmen.

Wobei schon was dran ist am alten Spruch von Marshall McLuhan, demzufolge das Medium die Message ist. Wenn das Buch statt in der Buchhandlung oder der Bibliothek nun in der globalen Daten-Cloud herumschwirrt, also bestenfalls ortsunabhängig verfügbar ist, ändern sich eben die Depots, Zwischenhändler und Methoden der Auslieferung. Dass das nicht das Ende der Verlage und nicht des stationären Buchladens ist, beweisen Dutzende neu eröffnete Buchhandlungen. Wo alles online bestellt oder gleich aufs Lesegerät heruntergeladen werden kann, werden die großen Ketten mit ihrem standardisierten Angebot überflüssig.

Durchstöbern, anfassen, beriechen

Offensichtlich aber gibt es einen Bedarf nach Empfehlung und Rat durch den gut ausgebildeten Buchhändler um die Ecke. In den Lücken der reihenweise eingehenden Großfilialen gedeihen neue, oft spezialisierte Nischenläden, in denen man Bücher durchstöbern, anfassen, beriechen, man eben auf Tuchfühlung mit den Lesestoffen gehen kann.

Warum sonst werden wieder rund 230.000 Besucher das „Kulturereignis“ Buchmesse stürmen, sich durch überfüllte Gänge schieben, entlang an Regalkilometern mit rund 400.000 verschiedenen Büchern, Spielen, Filmen, Hörbüchern, Kalendern und anderem Nicht-Buch-Krimskrams, sich drängeln an Ständen um Bestsellerautoren und Berühmtheiten, die Mitarbeiterinnen von rund 7300 Ausstellern mit Fragen löchern, sich mit Vorschau-Prospekten eindecken oder sich mit unfassbar vielen Gratis-Plastiktüten behängen?

Der letzte Schrei dieser Messe ist aber gar kein Buch. Obgleich es wie eines aussieht und vom seriösen Göttinger Steidl Verlag kommt. Es hat einen weißen Leineneinband und roten Schnitt, man kann es aufschlagen und gar darin lesen. Im faksimilierten, handgeschriebenen Gedicht „Duftmarken“ von Günter Grass steht der schöne Satz „Wer liest, der riecht“. Eine Seite davor outet sich Karl Lagerfeld als „Papier-Freak“, der bei allem Luxusgedöns um den handgeschöpften Stoff sogar noch die Lappen der Tageszeitung liebt. Doch der wahre Inhalt dieses Buchobjekts liegt wie ein Kassiber in den ausgestanzten roten Blättern eingebettet: Es ist der „Duft der Bücher“ – eingefangen wie ein Flaschengeist in einem gläsernen Flacon.

Das „Paper Passion Parfume“enthält 13 Rohstoffe, die jene Sinnesüberwältigung beim Aufschlagen eines druckfrischen Buches erzeugen sollen. Und es riecht toll: nach Tinte, Sandelholz, Tabak und Whisky und – Weihrauch. Das ideale Geschenk (85 Euro!) für Leute, die schon zu viele Bücher haben und sich gerne in ein geruchsneutrales Lesegerät versenken.

Wenn diese Gimmicks und Werbeeinfälle auch eine Botschaft haben, dann verkünden sie womöglich nicht das Ende der seit Jahren beschworenen Sinn- und Umsatzkrise der Branche. Aber sie behaupten auf sehr sinnliche Weise, weiterhin über ein attraktives Handelsgut und Objekt der Begierde zu verfügen.