In diesem mit Gedenk- und Feiertagen gesegneten Jahr darf das 65. Jubiläum des ersten Kulturskandals der deutschen Nachkriegszeit nicht vergessen werden. Am 22. Februar 1949 verteidigte der als katholischer Fundamentalist bekannte bayerische Kultusminister Alois Hundhammer (CSU) die von ihm verfügte Absetzung des Balletts „Abraxas“ von Werner Egk im Münchner Prinzregententheater mit dem Hinweis auf eine schwerwiegende „Verletzung religiöser Gefühle“.

Insbesondere die auf der Bühne dargestellte Vereinigung des Satans mit der widerstrebenden Archiposa in einer – laut Textbuch – „sakrilegischen Zeremonie“ sei inakzeptabel. Zumindest für Konservative wie Hundhammer stand damals die Bibel über dem Grundgesetz, der Skandal lag also in der Aufführung; für heutige Zeitgenossen verhält es sich selbstverständlich umgekehrt: Der Kulturskandal bestand allein im Verbot der Aufführung.

Seit 65 Jahren gehört die Verspottung des christlichen Glaubens und der Amtskirchen zum unerlässlichen Handwerkszeug der Kabarettisten, zum guten Ton in fast jeder Gesellschaft und zum intellektuellen Handgepäck am Stadttheater. Mancher mag sich über die Verletzung seiner religiösen Gefühle beklagen, aber sie zu schützen, ist nicht die Aufgabe des Staates, weshalb die Gotteslästerung 1969 als Straftatbestand gestrichen wurde. In einem aufklärten demokratischen Rechtsstaat gelten Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit zwar nicht schrankenlos, aber die Grenzen werden ihnen zum Beispiel vom Persönlichkeitsrecht anderer Menschen gesetzt, nicht von Gott und Göttern.

Daran ändert sich nichts, wenn nicht der christliche Gott verspottet, sondern der jüdische Jahwe veralbert und der islamische Allah verhöhnt wird. Wenn also ein Witzbold wie Dieter Nuhr bemerkt, tolerant sei der Islam nur dort, wo er nicht an der Macht sei, dann mag zwar ein Muslim sich in seinen religiösen Gefühlen verletzt sehen und Anzeige erstatten. Doch erstens wird er keinen Richter finden, der Allah und dessen Gläubigen vor Spott und Kritik mit einem Strafurteil in Schutz nimmt, zweitens aber macht die Reaktion des Muslims einen Irrtum Nuhrs beklemmend klar – tolerant ist der Islam offenbar selbst dort nicht immer, wo er nicht an der Macht ist. Nuhrs Bemerkungen und die Anzeige wären der Rede kaum wert, würde nicht seit Bekanntwerden des Vorgangs in der gesamten deutschen Publizistik ununterbrochen darüber geredet, genauer über die angeblich akute Bedrohung der Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit.

Journalisten haben Mohammed-Karikaturen verteidigt - aber nicht gedruckt

So war es schon einmal vor neun Jahren, als der dänische Karikaturist Kurt Westergaard mit Karikaturen des Propheten Mohammed die islamische Welt in Wallung versetzte. Diese Kontroverse bezahlten 50 Menschen in islamischen Ländern mit ihrem Leben, die europäische, vor allem die deutsche Öffentlichkeit mit einer recht verlogenen Debatte über die Bedrohung der Pressefreiheit, der kompromisslos entgegenzutreten sei. Die Kompromisslosigkeit bestand dann darin, dass etliche Zeitungen die Karikaturen auf ihren Kommentarseiten verteidigten und auf den Abdruck der Karikaturen mutig verzichteten, und auch darin, dass das ZDF ein Gespräch mit Westergaard kompromisslos absagte und erst nach einem Protest des Karikaturisten doch noch zustande brachte.

Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit werden in dieser Republik nicht durch den Islam bedroht und kaum durch staatliche Institutionen – auch der verweigerte Zutritt eines Kamerateams der „heute show“ zum Bundestag gefährdete nicht die Pressefreiheit, sondern schützte das Parlament vor Missbrauch als Ironierampe –, vielmehr sind es die Medien selbst, die ihre Freiheit Stück für Stück beschneiden. Nur vergessen sie, darüber zu klagen. Zwar gibt es noch immer keinen gesetzlichen Schutz für Whistleblower, die durch Hinweise an die Öffentlichkeit Missstände aufdecken, aber es gibt auch so gut wie keine Zeitung, die auf den Zusammenhang von Pressefreiheit und Rechtsschutz für Whistleblower hinweist. Und offenbar ist es für die Pressefreiheit überhaupt kein Problem, dass viele Verlage Journalismus nur mehr als Content-Produktion, entsprechend Journalisten als – immer schlechter, aber noch immer zu hoch bezahlte – Content-Lieferanten betrachten, deren Texte von allem oder nichts handeln können, solange sie nur die vereinbarte Zeichenzahl (mit Leerzeichen) einhalten.

Warum die Medien darüber nicht berichten? Weil es sich um belanglose Einzelfälle handelt, von denen keine Gefahr für die Pressefreiheit ausgeht. Beweis: Wäre es anders und die Pressefreiheit hier akut gefährdet, würden die Medien darüber ausführlich berichten – so ausführlich wie im Fall des Witzbolds Dieter Nuhr.