In der Zeit danach fühlte es sich nicht weniger großartig an als im Moment des Halbzeitpfiffs. Selbst Fußballmuffeln dürfte nicht entgangen sein, dass es sich beim WM-Halbfinale Brasilien – Deutschland um ein Ereignis handelte, das weit über die Sphäre des Sports hinausragt. Das spürten wohl auch die Spieler. Als Toni Kroos sein Tor zum 3 : 0 nach nur 25 Minuten erzielte, war seine Jubelgeste alles andere als überschwänglich. Als habe ihn ein Anflug von Scham überkommen, nahm er die Hände vors Gesicht und schüttelte ungläubig den Kopf, so, als wolle er sagen: Das habe ich nicht gewollt.

Die bloße Willensanstrengung, die deutschen Fußballmannschaften nicht ohne historische Anspielungen in einer Mischung aus Furcht, Bewunderung und Abneigung immer wieder unterstellt wird, war in einer furiosen Viertelstunde der Eleganz des Gelingens gewichen. Für die sportliche Seite des Geschehens mag man nachträglich hinreichend Erklärungen finden, die emotionalen Aspekte des Spiels aber surren noch immer hin und her zwischen Fußball, gesellschaftspolitischer Relevanz und der erstaunlichen Bandbreite menschlicher Gefühle.

Mitleid, Scham, Demütigung, fast schon unanständig: Die Versuche, den Verlauf und das Ergebnis des Spiels in Worte zu fassen, stammen aus dem Wortschatz der Anthropologie, und mehr als von der plötzlich aufblitzenden Spielkultur der Deutschen und dem taktischen Versagen der Brasilianer war vom psychischen Druck die Rede, dem diese am Ende nicht standgehalten haben. Es waren nicht nur Tore, die da in Kauf genommen werden mussten. Vor aller Augen trat vielmehr der Zusammenbruch eines psychosozialen Systems, von dem nicht weniger erwartet wurde als die unerfüllbare Beglückung eines ganzen Landes.

Die widerstreitenden Gefühle im Moment der Niederlage hat niemand besser zum Ausdruck gebracht als der brasilianische Torhüter Julio César, der trotz der erlittenen Schmach von sieben Gegentoren den Mut besaß, sowohl sachlich Auskunft als auch tiefe Einblicke in sein Seelenleben zu gewähren. Das Eingeständnis des Versagens, aber auch sein Gespür und seine Entschlossenheit, dem Scheitern der Mannschaft sein Gesicht zu leihen, zeugt trotz der oft übertriebenen Emotionen, mit denen der Fußballsport seit jeher aufgeladen wird, nicht zuletzt von hohem gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein. Der Fußballprofi will nicht nur spielen, Julio César brachte auf schmerzhafte Weise zum Ausdruck, dass er auch eine Idee davon hat, wofür er spielt und für wen.

Das Spiel von Belo Horizonte hat auf eindrucksvolle Weise abgeräumt, was eine sorgsam ausgestattete Expertenkultur über Tage zu Spiel und Spielern wortreich zusammengetragen hat. Ein beliebtes Beiwerk zu dieser Rhetorik sind seit geraumer Zeit auch jene politischen Analogien, in denen ein Sportereignis auf die soziale Verfasstheit eines Landes hochgerechnet wird. Die Weltmeistermannschaft von 1954 verkörperte demnach den Geist des Wirtschaftswunders, in dem die Schuld und die Verluste des Kriegs kompensiert wurden. Helmut Schöns Siegermannschaft von 1974 triumphierte im Zeichen des fleißigen Modells Deutschland, während die 1990er Mannschaft mit dem Schwung der gerade vollzogenen Wiedervereinigung gewann und Franz Beckenbauer gar eine neue Unbesiegbarkeit heraufziehen sah.

Zufriedener Solistenverbund

Aus der sportlichen Leistung und anhand der Typen, die sie vollbringen, soll auch ein wenig abzulesen sein, welches Bild eine Gesellschaft von sich hat. Für die Merkel-Jahre heißt das wohl, dass hier ein mit sich zufriedener Solistenverbund ganz still und leise, aber bestimmt die Machtfrage stellt. Aus der ökonomischen Dominanz der Deutschen gehen demnach auch neue Gestaltungsansprüche hervor.

Die Webmuster solcher Vergleiche haben allerdings den Nachteil, dass sie auf dem Platz nicht unbedingt aufgehen. Ein grandios siegender Halbfinalist muss am Ende nicht Weltmeister werden. Möglicherweise spiegelt sich in dem 7 : 1 auch nur das, was der Frankfurter Philosoph Martin Seel die Zelebration des Unvermögens genannt hat. Für Seel ist die sportliche Höchstleistung nichts, über das man verlässlich verfügt. Man kann trainieren so gut es geht, aber die Vollendung des sportlichen Tuns vollzieht sich am Ende eher zufällig. Dass die deutschen Spieler nahezu vollständig auf große Triumphgesten verzichtet haben, ist auch ein Indiz für deren ausgeprägtes Bewusstsein über den Moment des glücklichen Gelingens. Trotz der bisweilen aus solchen Gemütslagen hervorgehenden nationalen Phantasmagorien war es am Ende doch nur Fußball – oder sollte es zumindest gewesen sein.