In einem aktuellen TV-Spot ist zu sehen, wie aus einem ausgemusterten sowjetischen Panzer 7000 Hämmer für eine Baumarktkette werden. Es ist kein Zufall, dass Christian Lindner die Erfinder engagiert hat. Als neue Werbeagentur der FDP. Denn der junge Vorsitzende hat mit seiner alten Partei eine kaum weniger verblüffende Verwandlung vor. Aus einem abgehalfterten Verein, den die Wähler wegen einer bizarren Mischung aus Großmäuligkeit und Unfähigkeit aus dem Bundestag verbannt haben, will er ein ebenso attraktives wie glaubwürdiges Gebilde formen. 2017 muss der Wiederaufstieg aus der außerparlamentarischen Opposition gelingen. Sonst war’s das mit dem organisierten Liberalismus in Deutschland.

Auf dem Parteitag an diesem Wochenende in Berlin kann Lindner nicht nur wachsende Zuversicht in den eigenen Reihen feststellen, sondern auch einen beträchtlichen Meinungsumschwung in der Bevölkerung. Zunächst gab es vor allem Häme und Zufriedenheit über den tiefen Fall der Partei. Ein bundespolitisches Comeback trauten ihr nur wenige zu. Noch weniger wünschten es. Wenn die Partei nun besser dasteht als selbst ihre eigenen Politiker erwartet haben, liegt das nicht nur am smarten Vorsitzenden und seinen Werbeprofis. Geholfen hat vor allem die politische Konkurrenz: Große Koalition, AfD, Linkspartei.

AfD ist keine seriöse Alternative

Alle, die von der FDP enttäuscht waren, weil sie nicht „geliefert“ hat (so der Kurzzeitvorsitzende Philipp Rösler), ist nun frustriert über die Politik der großen Koalition: Eine teure Rentenreform, ein Steuer-„Reförmle“ trotz steigender Staatseinnahmen, eine Mindestlohn-Regelung, die als zu bürokratisch empfunden wird. Dazu die Speicherung von Telekommunikationsdaten auf Vorrat, wie sie die FDP stets verhindert hatte. Die Wahlergebnisse in Bremen und Hamburg signalisieren: Vielen Menschen beginnt die FDP zu fehlen.

Auf der anderen Seite wird immer deutlicher, dass die AfD keine seriöse Alternative ist. Mag sein, dass der Wähleraustausch zwischen den beiden Parteien gering ist. Aber ihre chaotische Zerstrittenheit und der Flirt des rechten Flügels mit dem braunen Rand des politischen Spektrums geben eine gute Kontrastfolie ab für eine sich erneuernde FDP.

Fehlen unter den unfreiwilligen Helferlein noch Gregor Gysi und seine Genossen. Die Linke hat sich in ihrem außenpolitischen Fundamentalismus so eingemauert, dass sie für eine Alternative zur großen Koalition ausfällt. Wegen der Schwäche der SPD aber hat Rot-Grün allein keine Chance. Deshalb tauchen bereits Spekulationen über eine Ampel-Koalition auf. Entscheidend ist für die FDP dabei nicht die Wahrscheinlichkeit einer solchen Koalition. Wegen der großen Abneigung des linken SPD-Flügels und der Grünen gegen die FDP hätte sie kaum eine Chance. Wichtiger ist: Auch in ihrer alten Rolle als „Funktionspartei“, die eine Regierungsbildung ermöglicht, ist sie wieder im Spiel.

Damit war noch nicht von der wahrscheinlichsten Konstellation die Rede, die eine wieder auferstandene FDP zurück an die Macht bringen könnte: Das gute (oder schlechte) alte Bündnis mit CDU und CSU. Erstaunlicherweise halten sich Politiker der Union am meisten zurück, wenn es um diskrete Spekulationen über die Zukunft der FDP geht. Hier sitzt die Erinnerung an die verunglückte „Wunschkoalition“ erstaunlich fest. Aber Christian Lindner kann sicher sein, dass Angela Merkel diese Option fest im Blick hat.

Flirt mit dem „Grexit“

Bleibt die Frage: Hat die FDP diese Aufhellung ihres Horizontes durch eigene Leistung verdient? Lindner hat fast die komplette Riege der Spitzenpolitiker aus den Zeiten von Guido Westerwelle und Philipp Rösler in Rente geschickt. Wie viel politische Substanz die Bremer Wahlsiegerin Lenke Steiner mitbringt, ist noch offen. Bei den Landtagswahlen 2016 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz müssen die bewährten Kräfte zeigen, ob sie glaubwürdig für eine neue FDP stehen.

Inhaltlich wird sie kaum anders aussehen als die alte: Marktwirtschaft, Bürgerrechte, verlässliche Außenpolitik bleiben die Grundpfeiler. Was Lindners kurzer Flirt mit einem „Grexit“ zu bedeuten hat, bleibt zu beobachten. Auf jeden Fall gewöhnt er der FDP ihren Dogmatismus (nicht nur in der Steuerpolitik) ab und das harsche Auftreten, wenn es ums Soziale geht. Schon jetzt lässt er diskret verlauten, dass die FDP, wenn sie denn in die Lage käme, am Mindestlohn im Grundsatz nicht rühren, sondern nur seine Umsetzung ändern würde.

Wo ein neuer Stil ist, so hofft Lindner, wird ein Weg zu den Wählern sein. Aber ob der Partei eine „hammermäßige“ Zukunft beschieden ist, hängt nicht allein, ja nicht einmal in erster Linie von ihr ab, sondern von dem Umfeld, in dem sie sich bewegt.