Am Ende reibt man sich die Augen und hält alles für die überschäumende Kopfgeburt eines fantasiebegabten Thriller-Autors. Beispiele dafür gibt es. Der britische Schriftsteller Dick Francis hat viele seiner Romane im überschaubaren Milieu des britischen Pferderennsports angesiedelt, von wo aus korrupte Funktionäre schließlich in den Sog viel größerer wirtschaftlicher und politischer Machenschaften gerieten. Wo eben noch ein schnelles Pferd vor dem anderen über die Ziellinie lief, gerät plötzlich eine ganze Welt aus den Fugen.

Die Mär von der eigenen Harmlosigkeit hat der Fifa-Boss Sepp Blatter immer wieder aufs Neue unter Aufbietung anrührender Rhetorik in Umlauf gebracht. Kaum eine Rede, in der er nicht von der großen Fußballfamilie schwadronierte. Und so war es nach seiner Lesart auch die „Liebe zum Fußball“, die ihn zu seinem Abgang bewog. Ein Abgang auf Raten. Denn tatsächlich ist Blatter gar nicht zurückgetreten. Vielmehr hat er bloß die vorgezogene Neuwahl eines Nachfolgers angekündigt. Noch immer scheint er zu versuchen, die Kontrolle über das Gebilde zu behalten, das er über Jahrzehnte zu einem nahezu vollständig gegen Kritik und Widerspruch immunisierten Apparat ausgebaut hat.

Nötige Debatte über die Trennung von Fußball und Politik

Der angekündigte Abtritt Blatters war ein Augenblick der Freude für alle Fußballfans, aber als politisch denkender Zeitgenosse sollte man in Bezug auf die bislang kaum vernehmbaren Selbstheilungskräfte der Weltfußballorganisation Fifa eher skeptisch sein.

Erste Voraussetzung für die realistische Vorstellung dessen, wie eine reformierte Fußballwelt aussehen könnte, in der nationale Mannschaften auch weiterhin gegeneinander antreten, ist eine Revision des bislang stereotyp verteidigten Prinzips der Trennung von Sport und Politik.

Es ist nun einmal eine eminent politische Frage, in welchem Land und unter welchen Bedingungen ein Großturnier organisiert und ausgerichtet wird. Und es ist ein in vielen Varianten wiederkehrender Skandal, dass sportliche Großereignisse an Staaten vergeben werden, die auch Spitzenreiter in der Vernachlässigung und Beschränkung von Menschenrechten sind.

Das Prinzip der Politikferne war schon immer eine grandiose Täuschung, für die Fifa aber war es letztlich auch eine wichtige Voraussetzung zur Stabilisierung der eigenen Macht und Bedeutung.

Als eine Art Fußball-Uno hat sie alle Vorteile einer supranationalen Organisation genossen, die jenseits der Kontrolle nationaler Gerichtsbarkeiten den Anschein erweckt hat, über den Dingen zu schweben – verbürgt durch das hohe und von ihr monopolisierte Gut, die bloße Spielfreude unter die Menschen zu bringen. Und in mancherlei Hinsicht hat die Fifa gewiss auch viel Gutes bewirkt. Es sind nicht nur Schmiergelder geflossen, es ist auch konstruktive und segensreiche Fußballentwicklungshilfe geleistet worden.

Es braucht neue, klare Übereinkünfte im Weltverband

Wer einmal in anderen, wenig entwickelten Weltregionen Augenzeuge der verbindenden und verbindlichen Kraft des Fußballs geworden ist, der kann die Anziehungskraft, die gerade eine Fußball-Weltmeisterschaft quer durch alle politischen Systeme und Gesellschaften auszulösen vermag, nicht gering schätzen. Die Idee des fußballerischen Wettbewerbs zwischen verschiedenen Ländern hat es verdient, die durch sich selbst erschütterte Fifa zu überleben.

Aber dafür braucht es klare Übereinkünfte, und es sieht derzeit nicht gerade danach aus, dass diese leicht zu erzielen sind. Tatsächlich tobt auch in der Fußballwelt ein politischer Streit darüber, wie man den Ansprüchen und Erwartungen einzelner Länder gerecht werden kann, die im Kampf um die besten Startplätze im Globalisierungsrennen befürchten, bereits vorzeitig abgehängt zu sein. Es geht auch im Fußball um Verteilungskämpfe. Niemand weiß das besser als Joseph Blatter, dessen skurriles Zuwendungswesen letztlich auch eine pervertierte Antwort auf diese Kämpfe war.

Den größten Vorwurf, den man gegen die Fifa erheben muss, ist die Umarbeitung demokratischer Prinzipien zur bloßen Folklore. Während man vorn im Saal artig abstimmte, wurde hinter den Kulissen ein totalitaristisches System errichtet, dessen Funktionsweise wohl nur allzu vielen Fifa-Mitgliedern vertraut ist. Die neu aufgeworfene Frage, ob die Weltmeisterschaften in Russland und Katar zur Austragung gelangen können, hängt auch davon ab, ob eine satisfaktionsfähige politische Antwort darauf gefunden werden kann. Es geht dabei nicht nur um ein neues Selbstverständnis der Fifa, sondern um ein offenes politisches Miteinander in einer allzu fragilen Welt- und Werteordnung.