Dream heißt die 200 Quadratmeter große Installation, die der westafrikanische Künstler Romuald Hazoumé auf der Documenta 12 (2007) in Kassel präsentierte. Es ist ein düsterer Traum, an den Hazoumé da erinnerte. Die Arbeit stellt ein riesiges Flüchtlingsboot aus zerschnittenen Plastikkanistern dar. Das Boot ist porös, die Öffnungen der Behältnisse zeigen nach unten. Und doch erweckt das Gebilde durch seine Leichtigkeit den Eindruck, als könne es schwimmen.

In ihrem kunstvollen Gelingen führt Hazoumés Installation ein bestürzendes Scheitern vor. So grazil der Künstler aus Benin seine Materialien auch verarbeitet hatte, war sein Boot doch vor allem auch ein lauter Protestschrei gegen die Not Tausender afrikanischer Flüchtlinge, die sich immer wieder hoffnungsvoll auf seeuntüchtige Transportkähne begeben, um eine gefährliche Reise mit ungewissem Ausgang anzutreten.

Nach der zweiten schweren Schiffskatastrophe vor der italienischen Insel Lampedusa binnen einer Woche, bei dem wieder Dutzende Flüchtlinge ertrunken sind, kamen die öffentlichen Reaktionsmuster diesmal umgehend in Gang. Weil ein Notruf abgesendet worden war, konnte die Küstenrettung, anders als eine Woche zuvor, viele Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken bewahren.

Keine Ausreden

In ihren ersten Stellungnahmen versuchten die Politiker diesmal gar nicht erst, nach Ausfluchten zu suchen, sondern markierten die europäische Flüchtlingspolitik sogleich als zentralen Teil des Problems. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sprach zu Recht davon, dass man nicht umhin könne, über neue Formen geregelter Einwanderung zu sprechen. Andernfalls werde es kein Ende des tödlichen Elends wie vor Lampedusa geben. So ehrlich derlei Bekundungen auch sein mögen, so sehr sind sie doch auch Eingeständnisse der Hilflosigkeit, auf die vielfache Verzweiflung zu reagieren.

Die im Meer schwimmenden Leichen sind der sichtbare Teil eines Elends, das nicht erst seit letzter Woche mit dem Namen Lampedusa verbunden ist. Die kurze Abfolge der beiden Katastrophen verweist auf erschreckende Weise darauf, dass das Drama nicht erst vor der Mittelmeerinsel beginnt.

Wie zynisch und rücksichtlos müssen die Schlepperbanden sein, wenn sie, noch ehe alle Leichen des nur wenige Tage zurückliegenden Unglücks geborgen sind, die nächsten Boote in einem Zustand auf die Reise schicken, bei dem alle Alarmglocken schrillen müssten, selbst wenn es nur darum ginge, den Wannsee zu überqueren?

Angesichts des dramatischen Schiffbruchs verbietet es sich, über die Leichtgläubigkeit der Opfer zu räsonieren, mit der diese bereit sind, ihr Schicksal in ausbeuterische Hände zu geben. Man kann das sechs Jahre alte Kunstwerk Romuald Hazoumés aber als Indiz gegen die verlogene Haltung verwenden, man müsse zur Eindämmung der Flüchtlingsströme nun mit aufklärenden Maßnahmen in afrikanischen Ländern beginnen.

Wandel des Afrika-Bildes nötig

Es gibt, wie Hazoumés Werk von 2007 beweist, seit Jahren eine intensive Auseinandersetzung über die soziale und oft auch durch politische Verhältnisse ausgelöste Not, die viele junge Afrikaner ihre Ersparnisse zusammentragen lässt, um die Passage in eine andere Welt zu wagen. Aber selbst wenn die aktuellen Überlegungen über ein dringend gebotenes Ende der europäischen Abschottung auf den Weg gebracht werden können, wird noch einige Zeit vergehen, ehe ein tatsächlicher Paradigmenwechsel in der Außen- und Sicherheitspolitik der EU Früchte tragen kann.

Ihm müsste ohnehin ein Wandel unseres Bildes von Afrika vorausgehen, in dem sich die Vorstellung vom verlorenen Kontinent allzu fest eingebrannt hat. Dabei käme es gerade mit Blick auf die Flüchtlingsproblematik darauf an, Afrika auch als Kontinent der Chancen und Talente zu begreifen. Indem wir uns daran gewöhnt haben, die Löchrigkeit der europäischen Außengrenzen ausschließlich als Belastung zu betrachten, versagen wir uns dem kulturellen und sozialen Reichtum, den ein fruchtbarer Austausch mit den afrikanischen Staaten zu bieten hätte.

Zum Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung Afrikas gehört allerdings nicht allein die Anerkennung von Kunst, Lebensart und Folklore. In ein realistisches Gesamtbild der afrikanischen Wirklichkeit sollte auch die Tatsache integriert werden, dass viele Staaten für ihre politische und ökonomische Stagnation eine Eigenverantwortung tragen.

Die postkoloniale Vergangenheit des Kontinents ist leider auch von Versäumnissen und Fehlentwicklungen geprägt. Erst wenn es gelingt, ein erweitertes Afrikabild zuzulassen, wird ein kultureller und wirtschaftlicher Transfer möglich, der nicht mehr von untergehenden Booten dominiert ist.