Zur Darstellung des Magdalenenhochwassers, das im Sommer 1342 in zeitlicher Nähe zum christlichen Namenstag der Magdalena zahlreiche Flüsse Mitteleuropas über die Ufer trieb, versuchten es die Chronisten mit plastischen Bildern. So schrieb ein Mainzer Stadtschreiber, dass im „Dom einem Mann das Wasser bis zum Gürtel stand“. Und in den Frankfurter Annalen ist nachzulesen, dass der „Meyn so groß gewesen, daß das waßer ganz und gar umb Sachsenhausen ist gangen.“

In seinem Bedürfnis nach Anschaulichkeit gleicht es dem, was wir täglich in aktuellen TV-Formaten wie dem „ARD-Brennpunkt“ zu sehen bekommen. Noch immer schieben sich die schlammigen Wassermassen in aufreizender Trägheit durch die Landschaft, hinterlassen Orte der Verwüstung und bringen verzweifelt dagegen angehende Menschen hervor. Das ist das große Paradox dieser Sommertage: Deutschland wehrt sich gegen die Folgen einer Naturkatastrophe und tut dies doch in derart geordneten Bahnen, als ginge es bloß um die üblichen Unannehmlichkeiten bei der Umstellung auf den Sommerfahrplan der Deutschen Bahn.

Existenzielle Fragen

Dabei gibt es am Ausmaß der Zerstörungen nichts zu beschönigen. Zu Tausenden sind Familien an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht worden, und Unternehmen in Flussnähe müssen um ihr Überleben bangen. Nicht für jeden werden die nun in stattlicher Milliardenhöhe zugesagten unbürokratischen Hilfen zur rechten Zeit kommen. Wen es binnen elf Jahren zum zweiten Mal getroffen hat, der wird sich schwertun, einfach so weiterzuleben. Wenn die Öffentlichkeit die Tage des Hochwassers wieder aus den Augen verloren hat, wird es für viele über Monate und Jahre existenzielle Fragen aufwerfen.

Zu recht aber erfreut sich das Land derzeit an einer nicht nur empfundenen, sondern auch ausgeübten Solidarität. Man hilft sich, wo man kann. Da ist es hinzunehmen, dass die Hilfe bisweilen den Verdacht erweckt, als ginge es um die demonstrative Zurschaustellung eines Helferstolzes, der im schicken Sozialdesign über Facebook und andere Dienste angeleitet wird. Und es muss wohl auch ausgehalten werden, dass die nationale Solidarität sich an manchen Deichen als propagandistische Hilfe des Nationalen gebärdet, für die NPD-Funktionäre eigens zum Sandsackfüllen abkommandiert wurden.

Bei aller Aufmerksamkeit für die Spontanhilfe darf nicht übersehen werden, dass in ausreichender Form zivilgesellschaftliche Strukturen zur Nothilfe zur Verfügung stehen. Allen voran hat das Technische Hilfswerk (THW) unter Beweis gestellt, dass es trotz der angespannten Lage fähig ist, gemeinsam mit anderen Organisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz, lokalen Feuerwehren und der Bundeswehr koordinierende Aufgaben zu übernehmen. Während der Fuhrpark des THW bisweilen argwöhnisch als schlafender Riese mit paramilitärischen Strukturen beschrieben wurde, steht seine Leistungsfähigkeit und -bereitschaft nach den Einsätzen der letzten Woche außer Frage.

Die Bundesrepublik kann mit dem Ausnahmezustand umgehen, und das gilt sowohl für die kommunalen und staatlichen Stellen als auch für eine besonnen reagierende Bevölkerung. Wer dem Bürgermeister von Magdeburg im abgesoffenen Ortsteil Rothensee im Gespräch mit aufgebrachten Anwohnern zusehen konnte, der wird künftig einem solch schwierigen Amt ein wenig mehr Achtung entgegenbringen.

Auch wenn das Wasser noch nicht vollständig abgelaufen ist und die Dramatik vereinzelt noch über Tage anhält, scheint die nationale Herausforderung Hochwasser alles in allem bestanden. Das gute Gefühl des Gelingens ist wohl auch ein Grund dafür, dass das bisherige Spendenaufkommen deutlich hinter den Summen von 2002 zurückgeblieben ist.

Prävention betreiben

War’s das also? Leider nicht. Bei allem Stolz über die bundesrepublikanische Bewältigung kommt es nun darauf an, Naturkatastrophen als europäische Herausforderung zu begreifen und Prävention in einem länderübergreifenden Rahmen zu betreiben. Wie schon 2002 haben die Fluten auch diesmal wieder, beispielsweise in Tschechien, mehr Menschenleben gekostet als bei uns. Zum funktionierenden Katastrophenschutz bedarf es der Feinabstimmung unter Nachbarn. In der Literatur gibt es eine Reihe von Texten, die anhand von Flussläufen wie der Donau, der Moldau oder der Elbe eine Geschichte Europas erzählen. Sie sind ein Hinweis darauf, dass es gerade in Zeiten der Eurokrise angebracht wäre, eine ganze andere Form von europäischer Krisenbewältigung ins Auge zu fassen. Dann gibt es auch eine Zukunft für den Zusammenhalt von Menschen an wechselnden und manchmal wütenden Flusslandschaften.