Haben Sie’s schon gemerkt? „Das Thema Ernährung ist in der Gesellschaft angekommen.“ Diese unfreiwillige Humoreinlage stammt von den Organisatoren der Demonstration „Wir haben es satt“, mit der seit dem Dioxin-Skandal 2011 jährlich zum Start der Grünen Woche gegen die Agrarindustrie protestiert wird – gegen Genfood und Tierleid, Antibiotika und Billigfraß, gegen Massenproduktion, die Tausende Bauern in den Ruin und Millionen Menschen weltweit in den Hunger treibt.

Weit über 20.000 Menschen kommen jährlich zu den Protesten. Ernährung ist also, das meinen die Veranstalter wohl, im politischen Streit angekommen. Doch anders als bei der Energie ist eine politische Agrarwende nicht in Sicht. Das liegt nicht nur an der Menschenfutterindustrie. Sondern auch daran, dass die Kritiker noch kein Mittel gegen das ungehörte Verhallen ihres Protestes gefunden haben.

Die Gründe erhellt auch ein Blick in die Geschichte der Grünen Woche, die weltgrößte Protzschau der Ernährungsindustrie. Als die Agrarmesse vor 88 Jahren entstand, war Grün noch die Farbe der Land- und Forstwirte; nicht etwa das Symbol von Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Trotzdem sind diese Leitlinien, die den damaligen Bauern und Waldbesitzern mit Blick auf ihre Erben sowie ihre Lebensgrundlage noch wichtig waren, der Grünen Woche heute fern. Als sie nach dem Krieg zur Leistungsschau einer Wirtschaftswunder-Branche wurde, begann ihre Karriere als Fressmesse.

Die Berliner vernaschten zuerst die Kostproben einer neuen Zeit ohne Entbehrungen, die Westdeutschen fraßen sich später am Überfluss der Wohlstandsrepublik satt. Das spiegelt die jüngste Entwicklung deutscher Esskultur wider, der Üppigkeit stets wichtig war. Für uns Deutsche ist Fülle und Übermaß heute eine Selbstverständlichkeit, die voraussetzt, dass unser Essen billig und jederzeit verfügbar ist. Entsprechend demonstriert die Grüne Woche heute vor allem die Überdimensionierung der hiesigen Agrarbranche – sowie die Dekadenz und Kaufkraft des Konsumenten, der noch die exotischste Frucht einfliegen lassen kann.

Damit taugt die Messe gleich mehreren Aufklärern zum Feindbild. Sie preist eine Landwirtschaft, der es um Masse statt Klasse geht. So werden Schweine billig und massenhaft, ja: produziert, weil das Fleisch nicht als Leckerbissen für deutsche Kunden gedacht ist, sondern als Billigexport für den Weltmarkt. Jeder zweite Liter Milch, der hier gemolken wird, geht ins Ausland. Für den Verbraucher verschlechtert sich so die Qualität der immer fantasievoller gepanschten Nahrung; hiesige Kleinbauern gehen am Preisdruck zugrunde, ebenso die Landwirtschaft in ärmeren Weltregionen. Zu den Folgen zählen Hungerkrisen und Klimaschäden, Antibiotika-Resistenzen, Pestizid- und Hormonrückstände, Verschwendung von Äckern für Futteranbau.

Insofern haben die Demonstranten, die eine Agrarwende fordern, natürlich recht. Allein: Es hilft nicht. Politische Eingriffe in die Fleischversorgung wird es in Deutschland nicht geben. Diese Einsicht aus der hitzigen Wahlkampfdebatte um fleischfreie Kantinen-Tage sollte kein Kämpfer für besseres Essen ignorieren. Wenn es um die Wurst geht, ist den Deutschen jeder Fakt, jedes eigene Risiko egal. Unsere Esskultur prägen auch Verzichts- und Verbotsängste. Wo unsere französischen Nachbarn frische Produkte wollen, suchen wir Tiefpreise. Schätzt der Franzose die Qualität der Mahlzeit, zählt der Deutsche die Häufigkeit der Fleischbeigabe. Woran es fehlt, ist Wertschätzung und Bewusstsein für gutes Essen. Ein Kulturwandel lässt sich aber nicht verordnen. Er muss sich informell in der Gesellschaft vollziehen.

Bis zur Pastinake

Dafür gibt es zum Glück Ansatzpunkte. Besserverdiener und -gebildete kaufen längst Bio, besinnen sich auf regionale Zutaten von der alten Kartoffelsorte bis zur Pastinake. 2013 aß der Deutsche im Schnitt zwei Kilo weniger Fleisch. Es kommt nun darauf an, dass diese Besinnung kein Oberschichttrend bleibt, während Geringverdienern und Bildungsfernen die „Armutsfettleibigkeit“ droht, die in den USA grassiert, wo man sich nichts Gesundes leisten kann oder es nicht kennt.

Der Platz für die Vermittlung des verlorenen Wissens, woraus unser Essen bestehen und woher es kommen sollte, ist dabei die Schule. Nicht nur, weil Eltern diese Kompetenz oft fehlt und sie ihre Gewohnheiten nicht ändern mögen. Sondern auch, weil viele Fächer Anknüpfungspunkte bieten. Weil Kindern Kochen Spaß macht, wie viele Schulprojekte zeigen. Und letztlich auch, weil noch die größten Eisbeinfans es nicht mehr als Bevormundung empfinden, wenn Kitas und Schulen ihren Kindern eher Bio-Möhren als Pommes servieren.