Es gab einmal eine Zeit, in der rauchende Schlote als Symbol für Wohlstand und Wachstum galten. Das Wort Klimaschutz war noch nicht erfunden, und auch sonst machten sich Bürger und Unternehmen wenig Gedanken darüber, was für einen Dreck sie aus ihren Öfen und Kesseln in die Luft bliesen. Lange ist’s her. Wer heute Erfolg haben will, muss grün sein oder zumindest grün wirken. In der Werbung werden Produkte nicht nur in der freien Natur inszeniert, sondern oft auch inmitten von Windparks oder Solaranlagen.

Am Montag hat in Perus Hauptstadt Lima die Weltklima-Konferenz COP 20 begonnen. Auf ihr sollen Vorarbeiten geleistet werden für ein neues Abkommen zum Schutz der Erd-Atmosphäre. Pünktlich dazu gab einer der größten Klimasünder Europas, der Düsseldorfer Energiekonzern Eon, Pläne für einen Radikal-Umbau bekannt. Das Unternehmen ist hoch verschuldet und sieht seine letzte Chance darin, grün zu werden. Es will sein Geld künftig mit Ökostrom, Netzen und Dienstleistungen verdienen. Die Stromerzeugung aus Atomkraft, Kohle und Gas wird ausgegliedert, ebenso das Rohstoff-Geschäft. Deutschlands größter Energiekonzern verschreibt sich der Energiewende.

Verschuldet und defizitär

Es ist das spektakuläre Eingeständnis des eigenen Scheiterns. Mit konventionellen Kraftwerken lässt sich kaum noch Geld verdienen. Das Management erkennt, dass die Zeit der Energie-Dinosaurier vorbei ist. Auch andere Stromriesen lassen das fossile Zeitalter hinter sich; die verbliebenen Atom-Meiler müssen ohnehin bis 2022 abgeschaltet werden. EnBW aus Baden-Württemberg befindet sich mitten in der Transformation zum Ökostrom-Konzern, das schwedische Staatsunternehmen Vattenfall will sich von seinen klimaschädlichen Braunkohle-Aktivitäten in Ostdeutschland trennen. Bleibt nur noch die Essener RWE als Energiekonzern alten Typs. Sie ist ebenfalls hoch verschuldet und defizitär. Um zu überleben, wird auch RWE sich neu erfinden müssen.

Die Vorgänge bei Eon haben auch jenseits der Wirtschaft eine enorme Bedeutung für das Land. Denn die Aufspaltung des Konzerns kann der Energiewende neuen Schub verleihen. Ein Großunternehmen setzt sein Kapital, seinen Sachverstand und seine Erfahrung dazu ein, sauberen Strom zu produzieren und zu verkaufen. Gleichzeitig besteht die Chance, die historisch gewachsene Verflechtungen von Energiekonzernen, Politik und Gewerkschaften zu lockern.

Weil der Wind nicht weht

Die Stromriesen fühlten sich in der Vergangenheit oft unantastbar. So lange sie viel Geld verdienten, waren sie es auch. Sie konnten sich stets der Unterstützung der jeweiligen Landesregierung, des Bundes und der Arbeitnehmer-Vertreter sicher sein. Eine besonders unrühmliche Rolle spielt dabei seit jeher die Sozialdemokratie. Es war bekanntlich die Regierung Gerhard Schröders, die Eon richtig groß machte und gegen den Widerstand des Kartellamts vor zwölf Jahren die Übernahme des Gashändlers Ruhrgas ermöglichte. Heute ist es SPD-Chef und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der besonders zugänglich für die Belange der Strombranche ist – seit es in der Klimapolitik oder bei der Ökostrom-Reform. Weniger Eon und weniger Vattenfall kann mehr Klima- und Umweltschutz bedeuten.

Gleichwohl wird während des angekündigten Umbaus bei Eon eine Menge Arbeit auf die Politik zukommen. Der Konzern will seine Kraftwerke in eine neue Gesellschaft überführen. Das wirkt wie eine „Bad Bank“, eine Sammelstelle für risikoreiche Aktivitäten. In den kommenden Monaten wird es heftige Debatten über die Konsequenzen geben: So steht die Frage im Raum, ob Eons Rückstellungen für den Abriss von Atomkraftwerken in Höhe von 14,5 Milliarden Euro tatsächlich gesichert sind. Unklar ist auch, wer in ein Unternehmen investieren soll, das über etliche unrentable Kohle- und Gaskraftwerke verfügt. Die Rufe nach einem sogenannten Kapazitätsmarkt dürften lauter werden. Dabei bekommen Kraftwerksbetreiber nicht allein Geld für verkauften Strom. Sondern auch dafür, dass sie Kapazitäten für die Zeit bereithalten, in denen die Ökostrom-Produktion stockt – weil der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint.

Und es gibt noch einen Punkt, an dem der Industriepolitiker Gabriel gefordert ist: Eon stellt auch einen Großteil seines Gasgeschäfts zur Disposition. Es muss sichergestellt werden, dass dieses nicht auf Umwegen an den Gazprom-Konzern fällt und die Abhängigkeit von Putins Russland weiter zunimmt. Vielleicht ist es an der Zeit, über europäische Lösungen nachzudenken. Manche Dinge sollte man nicht allein dem Markt und den dort tätigen Managern überlassen. Erst recht nicht denen, die bisher bei Eon das Sagen hatten.