In der Debatte um die Zukunft der Ukraine ist aus dem Blick geraten, um was es dabei geht oder doch gehen sollte. Diskutiert wird derzeit die Frage, ob die Ukraine überhaupt als Staat anzusehen sei, ob der russische Präsident vom Westen Verständnis für die Annexion der Krim und die Bedrohung der Ukraine erwarten dürfe angesichts des Interesses Russlands, sich die Nato vom Leibe zu halten, ob die Übergangsregierung in Kiew die Unterstützung des Westens verdiene, da ihr doch einige nationalistische und antisemitische Figuren angehören, ob das Völkerrecht von Wladimir Putin gebrochen worden sein könne, da es doch schon in der Vergangenheit bei anderer Gelegenheit so häufig und massiv gebrochen worden sei, dass es kaum mehr als geltendes Recht anzusprechen sei usw. Über diese Fragen lässt sich selbstverständlich streiten, aber keine von ihnen berührt den Kern des Problems.

Wofür sich die Demonstranten auf dem Maidan von den Sicherheitskräften Viktor Janukowitschs haben schlagen und – manche von ihnen – töten lassen, worum es also ging in dieser ursprünglich wunderbar friedlichen, von den Machthabern in Blut getauchten Revolution, hat der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in die Worte gefasst: „Um die Menschenrechte und um die Freiheit.“

Es ging ihnen um das, worum es den DDR-Bürgern ging, als sie 1989 die SED-Gerontokraten vertrieben, worum es den Polen, den Esten oder den Letten ging, als sie sich aus der sowjetischen Herrschaft befreiten. Kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen zu fragen, ob die Selbstbefreiung der Menschen und ihr Bestehen auf der Menschenwürde von Moskau als Beeinträchtigung seiner Einflusssphäre betrachtet werde, schon gar nicht – aus gutem Grund – die Deutschen.

Die Ukraine war zwar seit Dezember 1991 völkerrechtlich als Staat zu betrachten, tatsächlich aber ist sie seit einem Vierteljahrhundert nicht viel mehr als ein Trümmer in der postsowjetischen Ruinenlandschaft gewesen. Nichts hatte sich verändert, nicht die desolate Infrastruktur, nicht die gewaltige, bürokratische Maschinerie, die zu Sowjetzeiten den Staat lenkte und im 21. Jahrhundert das ganze Land zu lähmen droht.

Doch eines hatte sich eben doch verändert: Die Menschen bekamen ein Gespür, wie sich Demokratie und Rechtsstaat anfühlen können. Der junge ukrainische Schriftsteller Andrij Ljubka beschreibt es so: „In der Ukraine findet die ganze Zeit, bis ins Jahr 2013, eine antisowjetische, antitotalitäre Revolution statt, die mal abebbt, dann wieder anschwillt und deren Ziel es ist, die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik endlich in eine andere Ukraine zu verwandeln.“

Ost-Erweiterung der Nato keine Aggression gegen Russland

An dieser permanenten Revolution ist Janukowitsch gescheitert. Er wurde zwar von der Mehrheit gewählt, aber sein Versuch, die Macht an sich zu reißen, das Land auszuplündern und es schließlich in den Machtbereich des Autokraten zurückzuführen, wurde als Verrat empfunden. Auf dem Maidan wurde nicht nur die Zukunft der Ukraine verhandelt, es ging und es geht um Europa, um seine Idee von sich selbst – Demokratie, Rechtsstaat, Schutz der Menschenwürde.

Jeder Pole, jeder Rumäne und jeder Este weiß, dass das Blut, das dafür in den vergangenen Wochen in Kiew geflossen ist, vor einem Vierteljahrhundert auch in Warschau, in Bukarest oder in Tallinn hätte fließen können; die östliche Erweiterung der Nato war keine Aggression gegenüber Russland, sondern Ausdruck der unter unabhängig gewordenen mitteleuropäischen Völkern fortwirkenden Angst vor der Aggression der amputierten Hegemonialmacht Russland.

Menschenwürde, Meinungs- und Pressefreiheit, Recht auf sexuelle Selbstbestimmung – darum geht es, nicht um die in Deutschland geschmäcklerisch diskutierte Frage, ob Putins eindeutig völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die ebenso eindeutig völkerrechtswidrige Bedrohung der Ukraine wirklich als völkerrechtswidrig anzusehen seien. Es geht um die Menschenrechte und damit um das Recht, selbst zu entscheiden, wie und wo einer leben möchte. Nach einer Umfrage des internationalen Instituts für Soziologie in Kiew vom November 2013 favorisieren im Westen der Ukraine 66 Prozent der Bürger einen Anschluss an die Europäische Union, 43 Prozent im Zentrum, 18 Prozent im Osten, wo wiederum 64 Prozent für eine Zollunion mit Russland plädieren.

Der britische Historiker Orlando Figes hat aus dieser Spaltung die Konsequenz gezogen und vorgeschlagen, die Ukrainer sollten per Referendum über eine Teilung des Landes selbst abstimmen. Das wäre eine schmerzliche Entscheidung mit zunächst chaotischen Folgen, aber verbunden mit der Garantie der Menschenrechte – für die, die sie wollen.