Das war ein Signal. Am Dienstag hat der neue Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg in seiner ersten Grundsatzrede im neuen Amt mit Blick auf Russland von einem „konstruktiven Verhältnis“ gesprochen. Doch Russlands Präsident Wladimir Putin antwortete auf seine Weise: Er ließ Kampfjets und Bomber über dem europäischen Luftraum kreisen.

An der östlichen Grenze des Bündnisses ereignen sich kleinere Luftraumverletzungen – von der Öffentlichkeit unbemerkt – fast täglich. Der jüngste Vorfall aber war eine Provokation, und die Nato antwortete auf die Liebesgrüße aus Moskau mit Abfangjägern. Aktion und Reaktion – willkommen zurück im Kalten Krieg.

Doch ist heute vieles anders. Der Kalte Krieg alter Prägung folgte der nuklearen Logik der Abschreckung. Moskau handelte nachvollziehbar und respektierte Staatsgrenzen. Die Konturen des neuen Kalten Krieges treten erst langsam hervor. Putin ist für den Westen unberechenbar – wie bei der Annexion der Krim oder bei der hybriden Kriegsführung im Osten der Ukraine.

Die Nato hat darauf bisher keine Antwort gefunden. Fast verzweifelt hörte sich Stoltenberg diese Woche an, als er Russland um „mehr Transparenz und Verlässlichkeit“ bat, damit die „Krisen nicht außer Kontrolle geraten“. Ihm ist der pragmatische Umgang mit Russland und Putin aus seiner Zeit als norwegischer Premier vertraut. Auch deshalb wurde er nach einem Wink von Kanzlerin Angela Merkel an die Nato-Spitze geholt. Die ausgestreckten Arme Stoltenbergs wies Putin nun öffentlichkeitswirksam zurück.

Nato hat keine Antworten

Auf dem Gebiet der klassischen Abschreckung funktioniert das westliche Bündnis noch immer. So werden als Reaktion auf die Ukraine-Krise zusätzliche Nato-Truppen für Polen und das Baltikum mobilisiert. Das ist nicht wenig. Aber mehr fällt der Nato derzeit nicht ein. Fast sophistisch sind die Übungen, mit denen in Nato-Kreisen derzeit das Verhältnis zu Moskau erörtert wird. Ist Russland einfach nur kein Partner mehr, wie es Stoltenbergs Vorgänger meinte? Oder „verhält es sich mehr wie ein Gegner“, wie es der Nato-Oberkommandierende Philip Breedlove formulierte. Nur: Das Problem der Nato ist ein anderes. Auch das Bündnis und seine Militärs sind ein Produkt des alten Kalten Krieges. Auf die neuen Herausforderungen hat die Nato keine Antworten parat, das zeigen die Schwierigkeiten mit asymmetrischen Kriegen wie in Afghanistan oder der Umgang mit Putins Russland.

Das fiel auch in Stoltenbergs Antrittsrede auf. Ein kluger Vortrag, gewiss. Aber zu Fragen des Cyberkriegs oder zur hybriden Kriegsführung, also dem Einsatz von Soldaten ohne staatliche Hoheitszeichen, hatte Stoltenberg wenig beizutragen. Die Frontstellung der aktuellen Konflikte mag an den alten Krieg erinnern, aber die Mittel sind andere. Löst ein Cyberangriff den Bündnisfall aus? Und was, wenn die nichtstaatlichen Kombattanten in einem östlichen Nato-Land einsickern? In der Nato herrscht dazu großes Schweigen.

Dabei sind die Herausforderungen größer als zuletzt. Nach Jahren der asymmetrischen Kriegsführung gegen Terrorgruppen ist der Nationalstaat als kriegführender Akteur zurück. Und zwar mit neuen Interessen und neuer Taktik, wie der Einsatz der grünen Männchen auf der Krim und im Osten der Ukraine zeigt. Putin agiert dabei nicht im Namen einer gesellschaftspolitischen Utopie, sondern folgt einer transnationalen imperialen Ideologie.

Nato ist doppelt gefordert

Die Nato stellt das vor eine schwierige Aufgabe. Zwar kann sie die alte Rolle des Schutzes der Mitgliedstaaten noch übernehmen. Das gehört zur klassischen Eindämmungspolitik. Aber schon das Konzept der friedlichen Koexistenz wirkt im neuen Kalten Krieg fragil. Zur Koexistenz gehört die Akzeptanz von Grenzen. Was Putin davon hält, hat er zuletzt gleich mehrfach gezeigt. Die Nato ist doppelt gefordert: Als Hardpower muss sie Antworten auf die neuen Arten der Kriegsführung finden. Zugleich muss sie Methoden der Softpower pflegen und anwenden, um weiter anschlussfähig bleiben zu können.

So unberechenbar Putins Handeln dieser Tage erscheint, kommt es doch nicht aus heiterem Himmel. Seine außenpolitische Doktrin hatte er bereits 2007 in seiner bemerkenswerten Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz vorgelegt. Vor den Folgen einer „monopolaren Welt“ hat er damals gewarnt und angedeutet, was er vom internationalen Recht hält. „Russland ist ein Land mit einer mehr als 1 000 Jahre langen Geschichte und hat fast immer eine unabhängige Außenpolitik betrieben. Wir wollen (...) diese Tradition nicht aufgeben.“ Heute klingt das mehr nach imperialer Tradition als nach friedlicher Koexistenz. Abfangjäger allein werden der Nato in diesem Konflikt nicht helfen.