Dass die erste Regierungserklärung des neuen Regierenden Bürgermeisters mit Spannung erwartet worden wäre, kann man nicht sagen. Die inhaltlichen Schwerpunkte für die Restzeit der großen Koalition sind seit der Senatsklausur vergangene Woche bekannt, und überraschend war nur die Ankündigung, die Zahl der landeseigenen Wohnungen um 100.000 aufzustocken. Da ist nicht nur die Opposition auf die Umsetzung gespannt.

Interessant war, skisprungtechnisch gesprochen, jenseits der Sprungweite deshalb vor allem die Haltung. Besonders: Wie würde sich Müller, der schmale Mann mit Brille, mit dem großen, dominanten Vorgänger Klaus Wowereit auseinandersetzen? Der war mit einem „I did it my way“ geschieden, und Müller machte, wie schon in den SPD-Kandidatenrunden, deutlich, dass er für sich dasselbe Motto verfolgt: Ich geh’ meinen eigenem Weg.

Der ist seit der Senatsklausur erkennbar geworden, und Müller hat am Donnerstag noch einmal unterstrichen, was ihn von Wowereit unterscheiden wird, der stets ein harter Arbeiter war, den viele Themen in den Niederungen des Alltags aber schlicht nicht interessierten.

Sein Nachfolger will nun „konkret für die Menschen“ arbeiten, erkannte Probleme angehen, ein Schlüsselwort für Müllers Weg ist das „ernsthafte Arbeiten“. Er scheut dabei auch nicht den Blick in marode Schultoiletten. Das verortete man bislang eher in der Zuständigkeit von Bezirksbürgermeistern, nicht beim Regierenden. Doch Müller beharrt darauf, dass sich die Politik in einer Kommune, die die Metropole Berlin letztlich auch ist, um das „Kleinklein“ zu kümmern hat – was mit Blick auf das Wahljahr 2016 taktisch nicht unklug ist. Solches Kleinklein produziert dankbare, wahlberechtigte Eltern, die mit den von der Opposition geforderten „Visionen“ weniger anfangen können als mit einer Schule, die mitteleuropäischen Hygienestandards entspricht.

Wenn da nicht das Problem wäre, dass nicht nur die Klos, sondern viele Schulgebäude (und Straßen, Brücken etc. ) in Gänze marode sind; Folge einer rigiden Sparpolitik, an der Müller maßgeblich beteiligt war. Aber seine Rede war ein Blick nach vorn, demonstrativ selbstbewusst, auch adressiert an die anderen Bundesländer, die vielleicht auf einen pflegeleichteren Berlin-Chef hofften.

Probleme spät erkannt

Der neue Regierende präsentiert sich als machtbewusst – und der Mann hat Chuzpe. Denn die Probleme, die er jetzt lösen will, hat er selbst mit geschaffen. Müller ist sozusagen auf Reparatur-Tour, um frühere Fehler zu korrigieren. Nicht nur beim Wohnungsbau. Das Thema hat er als SPD-Partei- und Fraktionschef viel zu lange der Nichtbau-Senatorin Ingeborg Junge-Reyer überlassen, die noch überall bezahlbaren Wohnraum für alle sah, als sich die Mieter längst um die wenigen überteuerten Wohnungen balgten.

Müllers Schwäche ist generell, gesellschaftliche Entwicklungen erst dann zu erkennen, wenn sie bleischwer auf dem Schreibtisch liegen, wo sie dann „abgearbeitet“ werden. Einige Beispiele aus den letzten Jahren: Fehlendes Gespür für die Stimmung in der Stadt führte zu seiner Niederlage beim Volksentscheid zum Flughafen Tempelhof. Dass die Berliner Verwaltung vor dem Kollaps steht, haben andere, etwa die Linkspartei, schon vor Jahren erkannt, gewarnt und ein Personalkonzept gefordert. Jetzt findet auch Müller lange Wartezeiten in den Bürgerämtern unzumutbar.

Jahre wurden schon unter Rot-Rot in der Energiepolitik verschwendet. Obwohl sich selbst Konzerne wie Vattenfall und RWE von der Kohle verabschieden, hält der Regierende den energetischen Umbau der Stadt immer noch für ein Thema, das bis zum Jahr 2050 Zeit hat. Dabei ist jetzt der Zeitpunkt, die vielen Neubauten nach Passivhausstandards von morgen zu errichten. Und: Eine „Smart City“ Berlin durch deren innovative Chips und Apps Kohlestrom fließt, ist keine.

Auch bei der Wohnungspolitik bleiben viele Fragen, nicht nur die nach der Finanzierung. Wenn der Regierende davon spricht, dass Berlin die rechtlichen Instrumente zur Dämpfung der Mieten „zu hundert Prozent“ ausgeschöpft hat, dann war das als Erfolgsmeldung gemeint, ist aber auch eine Kapitulationserklärung. Denn welche Idee, außer teurem Neubau, setzt der Senat künftig den Miethaien entgegen, die über Müllers strengen – und richtigen – Satz „Wohnen ist keine Ware“ nur lächeln?

Dann ist da noch der Zustand der Koalition, die sich nicht nur beim Thema Wohnungen herzlich uneins ist. Der Regierende zog es vor, eine Rede für sich und nicht für die Koalition zu halten. Dass er an einer Stelle „Grünen, Linken und der CDU“ (in dieser Reihenfolge) für ihre Mitarbeit dankte, spricht Bände.