Wenn man wissen will, wie es um die SPD bestellt ist, gibt es einen verlässlichen Indikator: Man muss Sigmar Gabriel beobachten. Agiert der Parteichef entspannt, gelassen und vizekanzlerisch, sind die Dinge unter Kontrolle. Wirkt er angefasst, unruhig und hyperaktiv, läuft irgendetwas schief.

So ist es in diesen Wochen: Zweimal trat Gabriel zuletzt ungeplant bei der montäglichen Pressekonferenz seiner Generalsekretärin auf. Erst rasselte er eine lange Erfolgsbilanz der Sozialdemokraten in der großen Koalition herunter. Dann zauberte er eine Initiative für gesunde Lebensmittel aus dem Hut. Kurz darauf forderte er, die Politik müsse die Überfremdungsängste der von zahlreichen Spitzen-Genossen kritisierten Pegida-Demonstranten ernst nehmen. Vor Weihnachten erklärte der Vater einer zweieinhalbjährigen Tochter schließlich, die SPD wolle „der Anwalt der gehetzten Generation“ werden. Es klang wie ein Appell in eigener Sache.

Traurig und ratlos

Tatsächlich steht die SPD am Ende ihres ersten großkoalitionären Jahres ebenso traurig wie ratlos da. Mit einem grandiosen Salto war es dem Taktiker Gabriel anfangs gelungen, die schmerzhafte Niederlage der Bundestagswahl in einen halben Erfolg umzudeuten. Er verhandelte beeindruckend viele sozialdemokratische Forderungen in den Koalitionsvertrag herein und bewegte die skeptische Basis zu einem klaren Votum für das Bündnis mit der Union. Zwölf Monate später stehen die meisten roten Leuchttürme – vom Mindestlohn über die Rente mit 63 bis zum Doppelpass – im Gesetzesblatt. Die SPD aber dümpelt bei den Umfragen mit 25 Prozent unverändert auf dem Niveau ihres Wahlergebnisses herum.

Es sei extrem mühsam, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, lautet Gabriels Erklärung für das frustrierende Phänomen. Nach seiner Überzeugung muss die SPD zunächst durch gute Regierungsarbeit beweisen, dass sie verlässlich das politische Handwerk beherrscht. Dann soll sie sich programmatisch neu positionieren – und zwar nah bei der 30- bis 50-jährigen arbeitenden Mitte der Gesellschaft.

Leise stichelt die Union

Doch beide Vorhaben erweisen sich als schwieriger als gedacht. Zwar erhalten die meisten sozialdemokratischen Minister vom Wahlvolk gute Noten für ihre Arbeit. Doch neben der dominierenden CDU-Kanzlerin verblassen sie alle in der öffentlichen Wahrnehmung. Zudem ging die SPD-Spitze ganz zu Beginn der Regierungszeit höchst unglücklich mit dem Pädophilie-Verdacht gegen den Abgeordneten Sebastian Edathy um. Zwar wurde der Parlamentarier nach eigenen Angaben nicht von Top-Genossen vor den Ermittlungen gewarnt. Die Aufarbeitung der Affäre fördert aber ziemlich viele Merkwürdigkeiten, Widersprüche und Peinlichkeiten zutage wie jene, dass ausgerechnet der SPD-Innenexperte, der Edathy betreuen sollte, als Drogenkonsument ebenfalls Probleme mit dem Gesetz hatte. Im Januar setzt der Untersuchungsausschuss seine Arbeit fort. Edathy wird keine Gelegenheit auslassen, die Partei- und Fraktionsführung zu diskreditieren. Die Union wird leise sticheln. So bleibt die Affäre für die Genossen eine politische Bürde.

Magere Umfragewerte

Noch komplizierter gerät die inhaltliche Neuausrichtung der SPD. Gabriel ist überzeugt, dass die Partei auch wegen ihrer Steuererhöhungspläne die Wahl verlor. Also will er weg von der alten Umverteilungs-Ideologie. Beinahe im Alleingang hat er die zum Glaubensbekenntnis jedes SPD-Parteitags gehörende Wiedereinführung der Vermögensteuer kurzerhand abgeräumt. Schon darüber sind die SPD-Linken sauer. Die kurz darauf angestoßene Debatte über die Wirtschaftskompetenz versandete folgenlos. Dafür ging Gabriel bei den polarisierenden Freihandelsabkommen CETA und TTIP offen auf Konfrontationskurs zu den internen Kritikern.

Man kann es beeindruckend finden, wie der gelegentlich als sprunghaft gescholtene Wirtschaftsminister bei diesem Thema aus Überzeugung manchem Vorurteil mit aufklärerischem Furor entgegentritt. Taktisch klug war es aber kaum, dass er bei einem Parteikonvent zunächst die Entscheidung offenließ und kurz darauf im Bundestag erklärte, die Regierung werde dem ausverhandelten CETA-Vertrag mit Kanada in jedem Fall zustimmen.

Nun fühlen sich viele Genossen an der Nase herumgeführt. Magere Umfragewerte und eine unklare Machtoption für 2017 verstärken die Unruhe. Noch bremsen die bevorstehenden Bürgerschaftswahlen in Hamburg und Bremen die öffentliche Streitlust. Doch lange kann die SPD die Frage, wie sie die Rolle des ewigen Juniorpartners loswerden will, nicht mehr verdrängen. Die vage Hoffnung auf einen alles entscheidenden Fehler der Kanzlerin wird als Strategie sicher nicht ausreichen.