Abschied nehmen von einer großen Liebe ist schmerzhaft. Selbst wenn man sich verspricht, einander nah zu bleiben. Ein wenig steht es so um das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA.

Wie sehr haben die (West-)Deutschen die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg verehrt, spätestens, als aus den Besatzern immer mehr Beschützer und schließlich Freunde wurden. Es gab auch Tiefpunkte der Zuneigung, während des Vietnamkriegs, während des Irakkriegs und der Regentschaft von George W. Bush zum Beispiel. Doch darauf folgte immer die nächste Sympathiewelle, zuletzt mit der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten.

Es ist aber ein Unterschied, ob man sich über die Politik der USA irgendwo auf der Welt erregt, in Afghanistan, im Nahen Osten, in Guantanamo. Oder ob man sich plötzlich selbst als Opfer dieser Politik erkennt, wo man sich doch als Freund und Partner empfunden hat. So ist das jetzt in Deutschland.

Viele Bürger, vor allem aber die Kanzlerin, erwachen gerade aus einer Illusion. Sie erkennen, dass all die schönen Reden über die besonders engen Beziehungen, über die gemeinsamen Werte, schlicht: über die viel gerühmte deutsch-amerikanische Freundschaft dann nichts mehr wert sind, wenn es um die Interessen der Supermacht USA geht. Die angehimmelte große Liebe entpuppt sich als recht kühle, schnöde Egoistin.

Dabei währt die Entfremdung zwischen beiden Ländern schon lange, sie begann wenige Monate nach dem Schicksalstag 11. September 2001. Damals demonstrierten die Deutschen mehr als alle anderen ihre tief empfundene Solidarität mit den USA, die der Kanzler Gerhard Schröder unvorsichtig sogar bedingungslos nannte. Aber er traf damit eine Stimmung im Land.

Viele Deutsche glaubten, sie könnten den Amerikanern nun etwas von der nach dem Zweiten Weltkrieg erfahrenen Solidarität zurückgeben – und fühlten sich abgewiesen. Denn Präsident George W. Bush und seine ideologisch verblendeten Berater nahmen diese zugewandte Grundstimmung in vielen Teilen der Welt nicht zum Anlass für eine Wende hin zu einer kooperativeren Politik. Sie haben sie vielmehr ausgenutzt, um ihre Position als nur im eigenen Interesse handelnde Supermacht zu stärken.

Es folgte das Drama um den Irak-Krieg, als Schröder den USA erstmals in einer Grundsatzfrage die deutsche Gefolgschaft aufkündigte. Angela Merkel war damals anderer Meinung. Für die DDR-Bürgerin Merkel waren die USA immer der Sehnsuchtsort, ihre erste Auslandsreise nach dem Mauerfall führte sie nach Kalifornien. Auch hier liegt eine Ursache für ihre heutige große Enttäuschung.

Als sie Kanzlerin wurde, entspannte sich das Verhältnis, sie kam sogar mit George W. Bush gut aus. Und Obama schlug dann tatsächlich einen international verträglicheren Kurs ein. Die Hoffnungen auf eine Besinnung der USA auf ihre alten Grundwerte der Demokratie, Freiheit und Wohlfahrt für alle wuchsen, um dann an den Macht- und Mehrheitsverhältnissen in Washington zu zerschellen. Auch für Barack Obama gilt: Ein US-Präsident verändert das Amt weniger, als dass es ihn verändert.

Ein Kristallisationspunkt, an dem dies deutlich wie selten wurde, war die von ihm gebilligte, wenn nicht gar angeordnete Tötung Osama bin Ladens. Wer den Feind lieber tötet, als ihn vor Gericht zu stellen, ist so weit von den Grundregeln eines Rechtsstaates entfernt wie Washington von Berlin. Die damals von Merkel verkündete Genugtuung über die Tat war noch einmal eine Ergebenheitsadresse an die USA, die der Präsident mit der Freiheitsmedaille und einer schönen Rede belohnte. An dem mangelnden Respekt seiner Regierung gegenüber dem befreundeten Deutschland, wie er sich in diesen Tagen überdeutlich offenbart, änderte das nichts.

Seit einem Jahr bemüht sich die Merkel-Regierung um Aufklärung der Spionageaktivitäten der USA in Deutschland und ist immer wieder hingehalten und verladen worden. Die US-Geheimdienste spitzelten einfach weiter. Dabei ist bezeichnend für diese Regierung, dass ihre Empörung erst so richtig entflammt, seit klar ist, dass auch Agenten auf sie selbst angesetzt sind. Was ist dagegen schon die massenhafte Ausspähung der Bürger?

Aus dem großen Bruder USA, der einst schützend seine Hand über das kleine Deutschland hielt, ist längst „Big Brother“ geworden, der allgegenwärtige Überwacher. Das erkennt jetzt auch die Bundesregierung. Die Ausweisung des zuständigen Geheimdienstmannes ist ein erster symbolischer Akt. Sie beginnt, ihr naives, schwärmerisches Vertrauen durch eine nüchterne Haltung gegenüber den USA zu ersetzen. Auch wenn es schmerzt.