Die New York Times hat einen Geist in den internationalen Beziehungen entdeckt. Sein Name ist Deutschland. Eines der angesehensten und ökonomisch stärksten Länder der Welt duckt sich weg, wenn es um die Suche nach einem Ausweg aus der syrischen Katastrophe geht – das ist der Eindruck. Niemand weiß, was eigentlich die deutsche Position ist. Es müsse Konsequenzen für die syrische Führung geben, wenn sie den Befehl zum Giftgaseinsatz gab, sagt die Regierung immerhin. Welche Art von Konsequenzen, sagt sie nicht. Sich an einem Militärschlag beteiligen will sie nicht. Ob sie einen solchen Schritt der USA politisch unterstützen würde, weiß man nicht.

Das peinliche Lavieren der Kanzlerin bei der Erklärung der G20 zu Syrien am Wochenende hat die vollkommene Planlosigkeit der deutschen Außenpolitik gezeigt. In diesem Zickzack ist nur eines erkennbar: die Methode Merkel'schen Politikmachens. Auf Sicht fahren, abwarten, wohin sich der Wind dreht, nicht zu früh festlegen. Ein Problem nur, wenn der Wind sich häufiger dreht. Und ärgerlich, wenn ihr Verfahren nun auf offener internationaler Bühne für jedermann sichtbar als geisterhaft entlarvt wird.

Hollande zu SS-Massaker

Der Hauptmangel dieser Politik ist ihr Mangel an Haltung. US-Präsident Barack Obama hat eine, definiert als rote Linie. Sein Problem ist die mangelnde Entschlossenheit. Wenn die USA ihrer Beweise so sicher sind und ihrer Verbündeten so unsicher, wäre ein schneller, gezielter Schlag ihrer Luftwaffe auf die Trägersysteme für Chemiewaffen vermutlich die richtige Reaktion gewesen. Die internationale Öffentlichkeit hätte sich kurz erregt, aber schnell hätte man sich wieder dem eigentlichen Problem zuwenden können: der Suche nach Wegen aus dem in Syrien geführten Krieg. Darum kümmert sich derzeit niemand. Das kostet jeden Tag weitere Leben, zusätzlich zu den über 100.000 schon Getöteten. Ist das eigentlich keine rote Linie?

François Hollande hat auch eine Haltung. Er hat sie in der vergangenen Woche in einer starken Rede in Oradour begründet. Wir dürfen nicht hinnehmen, was nicht hinnehmbar ist, sagte er angesichts des Massakers, das deutsche SS-Soldaten dort verübt haben. Der Bogen, den er von Oradour nach Damaskus zog, war unübersehbar. Seine Argumentation erinnerte an die von Joschka Fischer, der die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg mit Auschwitz begründet hat – eine vielleicht kritikwürdige Haltung, aber eben doch eine Haltung.

Davon ist bei der Kanzlerin und ihrer Regierung nichts zu sehen und nichts zu spüren. Deshalb versagt sie bei der Aufgabe, mehr internationale Führungskraft zu zeigen. Der Bundespräsident sieht dieses Manko. „Mir geht es darum, dass wir als die wirtschaftlich stärkste Nation in Europa mit einem erheblichen politischen Gewicht nicht so tun, als wären wir außerhalb von Gestaltungsmöglichkeiten, und immer nur abwarten und reagieren“, hat Joachim Gauck im Deutschlandradio zum Abschluss seiner Frankreichreise gesagt. Selbstverständlich sei das keine Kritik an der Bundesregierung – aber an wen richtet sie sich sonst?

Elend der Flüchtlinge lindern

Wie also sähen die Handlungsoptionen einer mutigen deutschen Regierung aus? Sie könnte an die deutsche Enthaltung beim Angriff auf das libysche Regime anknüpfen und mit Blick auf die Erfahrungen im Irak erklären: Militärischer Interventionismus löst keine Probleme sondern schafft nur neue. Wer internationale Normen wie das Verbot von Giftgas durchsetzen will, darf das nicht unter Bruch anderer Normen des Völkerrechts tun, also ohne Zustimmung des UN-Sicherheitsrats. Das wäre eine Haltung, der sich viele Länder der Welt anschließen würden, besonders bündnistauglich ist sie freilich nicht.

Aber wie wäre es, wenn Deutschland nicht nur murmeln würde, man müsse den Fall Assad vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen, sondern dies wirklich aktiv und auf allen Ebenen, also auch bei der UNO, betriebe? Wenn man Beweise sammelte für Kriegsverbrechen des Assad-Clans? Wenn sie so zu international Gejagten würden? Es würde Putin und den Chinesen schwer fallen, solche Freunde zu verteidigen.

Deutschland könnte sich an die Spitze dieser Bewegung setzen. Und gleichzeitig viel großzügiger das Elend der Flüchtlinge lindern, mehr Syrer nach Deutschland kommen lassen, die anderen EU-Länder zu einer großen Hilfsgemeinschaft für diese geschundenen Menschen versammeln. Wenn Angela Merkel nach ihren Werten gefragt wird, verweist sie gern auf das christliche Menschenbild. Das wäre eine Haltung. Aber auch sie wird erst durch Taten glaubhaft.