Im ostukrainischen Donezk ist derzeit eine Kopie des Kiewer Maidan zu sehen. Es ist, als hätte ein Bühnenbildner die Szenerie des vergangenen Protestwinters liebevoll nachgestellt. Da sind die Barrikaden, bemannt mit jungen Männern mit Helmen und Eisenstangen. Da sind die Autoreifen, die zum Wahrzeichen der Straßenkämpfe wurden. Da sind aufgestapelte Pflastersteine und Tonnen, in denen nachts Feuer brennt, und wieder dürfen die Frauen Butterbrote schmieren und Rotkreuz-Armbinden tragen.

So hat der Kiewer Maidan in der Provinz seine Spiegelung gefunden. Seht her, ist die Botschaft der Barrikadenbauer von Donezk – was ihr in der Hauptstadt gemacht habt, das können wir auch. Wer den Umsturz in der Hauptstadt gutgeheißen hat, der muss nun auch uns ernst nehmen.

Natürlich unterscheiden sich Kopie und Original. Und die seltsame Truppe, die die Donezker Gebietsverwaltung besetzt hat, hat in der Bevölkerung in Wahrheit wenig Rückhalt. Ihre Forderung nach einer „Donezker Volksrepublik“ kommt nämlich auch vielen Donezkern skurril vor. Aber es sind unsichere, nervöse Zeiten. Im benachbarten Lugansk haben Schwerbewaffnete den Sitz des Geheimdienstes besetzt, in Charkow verprügelten prorussische Demonstranten proukrainische Gegendemonstranten. Egal, ob es sich um eine Imitation, ein Schauspiel handelt – die Waffen und Menschen sind echt, und echt sind die Gefühle, an die appelliert wird.

Von Moskau ist alles denkbar

Wie ernst man das Schauspiel nehmen soll, hängt am Ende aber von Russland ab. Seit Moskau die Krim annektiert hat, ist alles denkbar. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat ein Staat in Europa die Grenzen seines Nachbarn zu seinen Gunsten korrigiert. Wer will ausschließen, dass dies noch einmal geschieht? Moskau hat sich ja faktisch für das Wohl sämtlicher russischsprachiger Bürger der Ostukraine für zuständig erklärt, und es hat Truppen an der Grenze zusammengezogen. Nach einer langen Phase berechenbarer Außenpolitik ist Russland zu einer unberechenbaren Größe geworden, unberechenbar sogar für viele Moskauer Beobachter. Wie weit der Kreml die Proteste selbst anleitet, ist unklar. Fraglos ist, dass sie aus Russland unterstützt werden. Das bestätigt ein Blick in die sozialen Netzwerke, wo sich russische Aktivisten zur Anreise verabreden. Und das Kreml-Fernsehen überhöht das Donezker Spektakel zur mächtigen Volksbewegung, zum „Russischen Frühling“.

Aber das heißt nicht, dass der Kreml sein Vorgehen von vor einem Monat wiederholen will. Die Krim war der einzige Teil des ukrainischen Staatsgebietes, der sich so einfach abtrennen ließ. Es gab dort keine Zweifel an den Loyalitäten der Bevölkerungsmehrheit, und es gab mit dem Autonomiestatus bereits eine fertige Hülse für die Überführung in die Russische Föderation. Das ist im Donbass und in Charkow, der einstigen Hauptstadt der Sowjetukraine, nicht der Fall. Bezeichnender Weise haben sich die Ultrapatrioten aus der Moskauer Führung und aus dem russischen Parlament diesmal eher zurückgehalten.

Der Kreml will keine Annexion. Er will vielmehr das, was er fordert: Eine Föderalisierung der Ukraine – und zwar nicht in ferner Zukunft, sondern sofort, noch vor den Präsidentschaftswahlen. Für deutsche Ohren hat Föderalismus einen freundlichen Klang. Aber für ukrainische Ohren ist das anders. Es gibt im postsowjetischen Raum kaum Beispiele für funktionierenden Föderalismus. Entweder steht er nur auf dem Papier, oder die Föderation ist längst zerbrochen, oder aber die Zentralmacht ist lahmgelegt. In Kiew ist man sehr wohl zur Dezentralisierung bereit, nicht aber zum Gewähren von Staatlichkeit, wie sie in Donezk gefordert wird.

Russlands Außenminister, der die Föderalisierung als Stärkung der Ukraine anpreist, weiß das. Aber es ist eben die Schwächung der Ukraine, die Moskau derzeit anstrebt. Diese Schwächung wird ferner dadurch erreicht, dass die für Ende Mai geplanten Präsidentschaftswahlen gestört werden. An ihrer Durchführung hängt für Kiew alles – die neue Führung braucht dringend eine Legitimation durch das Volk. Aber der Aufruhr in der Ostukraine kann das verhindern. Und der Kreml kann bei seiner Haltung bleiben, dass es in Kiew „gar niemand gibt, mit dem man reden kann“, wie Putin es in seiner Rede zur Krim formulierte.

Für den Westen ist Russlands Position eine Herausforderung. Er muss Moskaus Interessen ernst nehmen, aber er darf sich nicht damit abfinden, dass Vorbedingungen gestellt werden für einen Dialog mit Kiew. Eine Stabilisierung der Ukraine kann es nur mit, nicht gegen Russland geben. Aber sie muss von Moskau auch gewollt werden. Das ist derzeit nicht der Fall.