Drei Wochen nach dem Beginn der Proteste in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist eine Patt-Situation eingetreten. Die Demonstranten harren selbst in den Frostnächten aus. Sie sind aber nicht in der Lage, Janukowitsch Zugeständnisse abzutrotzen oder ihn gar zum Kurswechsel zu zwingen. Dieser wiederum fühlt sich sogar stark genug, die Europäische Union zu verhöhnen.

Just nachdem ihn die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zum Dialog mit seinen Gegnern aufforderte, gab der ukrainische Präsident der Miliz den Einsatzbefehl gegen die Demonstranten. Dennoch schreckt die Mannschaft um Janukowitsch – noch – vor der letzten Konsequenz zurück. Sie wagt es bislang nicht, die Proteste blutig niederzuschlagen und das Land endgültig auf den weißrussischen Weg zu führen: in eine Diktatur von Putins Gnaden.

Es gehört bewundernswerter Optimismus dazu, unter diesen Umständen den Protest unbeirrt und friedlich weiterzuführen. Aber es gibt in Wahrheit auch keine Alternative – wenn man die bedingungslose Kapitulation der Opposition als Möglichkeit nicht in Betracht zieht. Dass die Demonstranten in Kiew auf gewaltfreiem Wege ans Ziel gelangen können und die Ukraine den Weg der europäischen Integration doch fortsetzt, ist derzeit alles andere als sicher. Dagegen ist völlig sicher, dass sie eine bittere, blutige Niederlage erleidet, wenn sie zu Gewalt greift. Janukowitsch und seine Leute suchen offensichtlich nur nach einem Vorwand, um den Sicherheitskräften freie Hand zu geben.

Die Chancen für den Protest sind dennoch nicht so schlecht, wie sie derzeit scheinen mögen. Friedliche Bewegungen, die sich für einen Regimewechsel einsetzen, waren im letzten Vierteljahrhundert gerade in Europa sehr oft erfolgreich. Diese europäische Erfahrung zeigt jedoch gleichzeitig auch, welche entscheidende Voraussetzung ein solcher Prozess friedlicher Revolution braucht. Den am Wandel gelegenen Kräften muss es gelingen, Teile der herrschenden Elite – der politischen Nomenklatura und des Sicherheitsapparates – auf ihre Seite zu ziehen.

So war es in Portugal und in Polen, in Ungarn, der DDR und in Serbien, um nur einige Beispiele zu nennen, die bei allen sonstigen Unterschieden darin durchaus vergleichbar sind. Diese Voraussetzung ist in der Ukraine bislang noch nicht gegeben. Bei der Vertrauensabstimmung im Parlament fand sich nur ein einziger Überläufer aus dem Regierungslager. Und von Anzeichen einer bevorstehenden Revolte der Sicherheitskräfte, die in Kiew im Einsatz sind, war bislang auch nichts zu sehen.

Gewaltiges Ausmaß von Korruption und Misswirtschaft

Janukowitsch ist seit fast vier Jahren Präsident. Gewiss, es waren Jahre einer großen, weltweiten Krise. Doch der Hauptgrund für die traurige Lage, in der sich die Ukraine derzeit befindet, ist hausgemacht. Es ist das gewaltige Ausmaß von Korruption und Misswirtschaft. Die hat der Janukowitsch-Clan nicht erfunden. An die Macht gelangt, hat er aber beides übernommen und ebenso schamlos wie die Vorgänger zum seinem persönlichen Vorteil genutzt. Als dieses „Geschäftsmodell“ in die Krise geriet, suchte Janukowitsch Rettung im Ausland.

Die EU hat seine Milliardenforderungen abschlägig beschieden, der Internationale Währungsfonds verband mögliche Kreditzahlungen mit harten Bedingungen. So wandte er sich ab. China hat nach einem Besuch von Janukowitsch inzwischen ukrainische Staatsanleihen aufgekauft, wodurch der Kollaps der Währung zwischenzeitlich verhindert werden konnte. Vor allem aber ruhen die Hoffnungen auf Russland.

Und das Verhalten Russlands wird den Ausgang der Konfrontation letztlich bestimmen. Die Europäer mögen Janukowitsch zu überzeugen versuchen, ihn warnen oder ihm doch noch eine Karotte vor die Nase halten: Janukowitsch hat – gewollt oder durch politische Unfähigkeit – sein persönliches Schicksal inzwischen ganz in die Hände Putins gelegt.

Der wiederum hat einen zweifelhaften Sieg errungen. Um die Janukowitsch-Gegner wieder von der Straße zu bringen reicht es nämlich längst nicht mehr aus, dem Nachbarn die enormen Schulden zu stunden, die Exporte wieder abzunehmen und pünktlich Gas zu liefern.

Um das Land wieder zu stabilisieren, müsste Putin die Ukraine wohl mindestens in ähnlicher Weise alimentieren wie Weißrussland. Wahrscheinlich jedoch sogar mit noch mehr Geld. Der Zeitpunkt dafür ist denkbar ungünstig. Auch Russland kann nicht mehr die zweistelligen Wachstumsraten von einst vorweisen oder auf übervolle Staatsfonds zurückgreifen, die es den hohen Preisen für Öl und Gas zu verdanken hatte. Putin braucht sein Geld zunächst einmal selbst. Wie viel dann noch für Janukowitsch übrig ist, wird sich zeigen.