Der von den Vereinten Nationen berufene und gescheiterte Vermittler für den Syrien-Konflikt, Lakhdar Brahimi, hat das syrische Volk um Verzeihung für das Versagen seiner Bemühungen gebeten. Was für eine traurige Geste. Was für eine Geste der Verzweiflung. Denn was soll ein Vermittler tun, wenn die Parteien, deren Streit er schlichten soll, nicht zur Schlichtung bereit sind. Wenn sie nicht einmal bereit sind, miteinander zu reden. Wenn sie stattdessen von außen in ihrer sturen Haltung noch bestärkt werden, die keinerlei Rücksicht auf jene nimmt, um die es angeblich geht, um die Menschen. 150 000 Syrer haben die Unfähigkeit und den fehlenden Willen der Regierung und der Bürgerkriegsparteien zu einer Befriedung des seit drei Jahren wütenden Kampfes schon mit ihrem Leben bezahlt. Wie viele sollen es noch werden?

Wer heute in die Ukraine schaut, kann beängstigende Parallelen zu der Lage in Syrien vor gut drei Jahren erkennen. Einen aus demokratischen Volksbewegungen eskalierenden Konflikt, dessen sich andere Kräfte bemächtigen, der immer mehr zu einem Teil des großen internationalen Kampfes um Einflusssphären, um Macht, um Rohstoffe, um Profite wird. Auch in der Ukraine lässt die Regierung die Armee gegen eigene Landsleute vorgehen, die zurückschießen. Der Schritt zum offenen Bürgerkrieg ist nicht mehr groß.

Kaum jemand sieht das klarer als der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der die drohende Entwicklung schlicht Irrsinn nennt. Nur so ist sein fast schon verzweifeltes Bemühen zu verstehen, die streitenden Parteien doch noch an einen Tisch zu bekommen. Aber wollen die das überhaupt? Die Behandlung Steinmeiers bei seinem Besuch in Kiew und Odessa am Dienstag war geeignet, auch größte Optimisten in den Trübsinn zu stürzen. Der Übergangspräsident ließ ihn zwei Stunden warten, der Ministerpräsident konnte keine Teilnehmer für den von der OSZE organisierten Runden Tisch benennen, an dem die Kontrahenten aus der Ostukraine ohnehin nicht geduldet werden sollen.

Es ist dieses aus Syrien wohlbekannte Spiel mit Bedingungen und Gegenbedingungen, das alle Bemühungen um Entspannung scheitern lässt. Und was sind das für Verantwortliche in Odessa, die den deutschen Außenminister daran hindern, einen Kranz für die im Gewerkschaftshaus verbrannten pro-russischen Aktivisten niederzulegen. Das sollen die Verbündeten des Westens für den Aufbau einer freien und demokratischen Ukraine sein?

Aber geht es überhaupt noch um Demokratie, den Kampf gegen Korruption, um eine lebenswerte Zukunft für die ganz normalen Ukrainer im Osten und Westen, Süden und Norden des Landes, jene hehren und sympathischen Ziele der Maidan-Bewegung? Ziele, die sie mit den Demonstranten gegen das Assad-Regime in Syrien teilten? Ziele, deren Unterstützung aller Mühen wert sind, und die letztlich auch die Legitimation für die Einmischung des Westens, nicht zuletzt der Bundesrepublik in diesen Konflikt waren?

Eine Chance, das Land zu retten

Nein, all dies ist untergepflügt worden in dem großen Machtspiel, das von der Ukraine Besitz ergriffen hat wie zuvor von Syrien. In beiden Ländern ist Putins Russland ebenso engagiert wie es Obamas USA sind, und in deren Gefolge auch die EU und Deutschland. Alle sind sie nun Partei, verbündet mit der einen oder der anderen streitlustigen Seite, die keine Rücksicht auf Verluste nimmt und wenig Interesse an der Vermittlung eines fairen Ausgleichs hat. Denn da müsste sie ja Zugeständnisse machen, mit Leuten reden, auf die man lieber schießen würde. Da mag Steinmeier noch so sehr den ehrlichen Makler spielen, das nimmt ihm niemand mehr ab, und sogar die vom Westen so gehätschelte Kiewer Führung will davon nichts mehr wissen.

Die nach den für alle Beteiligten desaströs verlaufenen Kriegen in Irak und in Afghanistan gewachsene Hoffnung, die Großen der Welt hätten die Lust am „great game“ um Macht- und Einflusssphären verloren, hat sich zerschlagen. Die Erkenntnis, dass am Ende nur alle verlieren, ist zerstoben. Der Zynismus, der dieses Spiel zulasten von Millionen Menschen unentwegt fortsetzt, einfachen Menschen, die nichts mehr als ein Leben ohne Not, Unterdrückung und Angst erstreben – dieser Zynismus ist ungebrochen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat den Syrern die Verantwortung für die Lage in ihrem zerbombten Land selbst zugewiesen, sie hätten versagt, nicht der Vermittler Brahimi. Wenn die Ukrainer diese Botschaft verstehen würden, hätten sie noch eine Chance, ihr Land, ihre Leben, ihre Zukunft zu retten. Sonst nimmt der Irrsinn seinen Lauf.